Der heilvolle Horizont

Geliebte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der vbw,

vielleicht hat sich ja der eine oder die andere von Ihnen gefragt, wie diese Worte aus dem Jesajabuch recht zu verstehen wären. Starke Bilder sind es, die der Prophet verwendet, um seine Botschaft zu vermitteln.

Wir schreiben das 6.Jahrhundert vor Christus, als diese Worte zu denen gesprochen wurden, die verzagten Herzens waren – verzagt angesichts einer seit Jahrzehnten andauernden Besatzung. Sehr lange hatte sich das jüdische Volk in und um Jerusalem zwischen den wechselnden Regimen Ägyptens und des Vorderen Orients durch geschickte Bündnispolitik einrichten können. Nun war es zwischen die Mühlen der Großmächte geraten. Babylon hatte bei seinem Marsch auf Ägypten Juda einfach überrannt und unterworfen.

Niedergemetzelt wurde dabei, was sich in den Weg stellte oder einfach im Weg war, egal, ob es Soldaten oder Zivilisten, Männer, Frauen oder Kinder, alt oder jung war. Und viele von denen, die überlebt hatten, waren in die Fremde verschleppt worden, Familien dauerhaft auseinandergerissen – ohne das Wissen umeinander. Ein traumatisiertes Volk blieb zurück, über Jahrzehnte unterjocht, ausgebeutet und der Willkür der Herrscher ausgesetzt.

Wem kommen hier nicht Assoziationen zu dem, was auch uns hier in Deutschland in den vergangenen Jahren berührt hat – berührt durch die Menschen, die zu uns kamen als Überlebende eines vergleichbaren Gemetzels, traumatisiert, der Heimat entrissen, ungewiss, was mit nahen Angehörigen geschah oder allzu gewiss, dass so mancher nicht mehr am Leben war?

Diese Menschen haben nicht nur Debatten ausgelöst in unserem Land. Sie haben nicht nur Hilfsbereitschaft und Engagement auf der einen und Zorn und Ablehnung auf der anderen Seite geweckt.

Sie haben uns auch an die Erfahrung von Krieg, Gemetzel und Flucht in unseren eigenen Reihen, in unseren eigenen Familien erinnert. Keine 80 Jahre ist es her, dass der II.Weltkrieg begann, in dem Europa brannte und Millionen und Abermillionen von Menschen ihr Leben ließen, Angehörige verloren und ihre Heimat fliehen mussten – nicht zuletzt nach Bayern, wo sie vielfach in Barackendörfern und Kuhställen unterkamen.

Wer mit den Alten, mit den Eltern und Großeltern ins Gespräch kommt, die dies erlebt haben, weiß, wie gegenwärtig diese Erlebnisse sind. Er beginnt zu begreifen, wie diese Erlebnisse die eigene Familie, das eigene Leben, das eigene Land und so manche Debatte, wie wir sie führen, bis heute prägen.

Viel näher also, als wir vielleicht auf den ersten Blick ahnen, kommen uns diese Worte des Propheten, die doch vor so vielen Jahrhunderten ausgesprochen wurden. Sie kommen uns nahe, weil wir uns einfinden können in die Not der Angesprochenen, die verzagten Herzens sind und wankende Knie haben, weil wir Menschen vor Augen haben, die so sind oder in ihren Erzählungen so waren.

Wir können uns auch einfinden, weil wir zumindest aus diesen Erzählungen wissen, was Krieg bedeutet – Krieg, die Extremform einer Haltung, die nur das Recht des Stärkeren kennt. Krieg führt uns auf brutalste Weise vor Augen, wohin dieses Recht des Stärkeren führt, wenn es Letztgültigkeit beansprucht, wenn es nicht durch ein anderes, menschlicheres Recht begrenzt wird: ja, dann führt es zu Zerstörung, zu Tod, zu Chaos – übrig bleibt eine Wüste, in der menschliches Leben nur als mühseliges Überleben vorstellbar ist, in der das survival of the fittest gilt, in der Löwen, Schakale und andere gerissenen Viecher auf ihre Beute lauern.

Wir sollten uns daran erinnern in einer Zeit, in der das Recht des Stärkeren wieder Aufwind hat, in der Muskelspiele und Zorngeschrei als Erfolgsstrategie als alter Wein in alten Schläuchen verkauft wird, in der Mörder mit Handschlägen begrüßt und Lügen ohne Schamgefühl verbreitet werden, weil man es eben einfach kann. Wie zersetzend und spaltend dies wirkt, ist vielfach spürbar und erlebbar.

Wo aber Recht untergraben und Anstand lächerlich gemacht wird, wo Rücksichtnahme und Kompromissbereitschaft als Schwäche ausgelegt werden, wo Misstrauen gesät und Feindschaften geschürt werden, da sind kriegerische Auseinandersetzungen nicht mehr fern.

So mögen uns diese Worte des Propheten als Mahnung gelten, aber auch als Hoffnung. „Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.“, so spricht er zu den verzagten Herzen. Und eröffnet neu einen Horizont, der in der Wüste des Überlebens verdeckt wurde.

Es ist ein Horizont, in dem das Recht des Stärkeren und seine gewaltige Zerstörungskraft vorüber geht – GottseiDank. Denn der Gott, der zur Rache kommt, handelt gerade nicht nach dieser Rechtslogik. Vielmehr bereitet er Willkür und Gewalt durch ein Recht ein Ende, das die Leidtragenden neu aufrichtet und stärkt. Gottes Rache ist es, neues Leben zu schaffen und das, was beschädigt und verkümmert war, heil zu machen und zum Blühen zu bringen:

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Haben wir diesen heilvollen Horizont vor Augen? Und wenn nicht, wie gut, dass er in uns in dieser Adventszeit in Erinnerung gerufen wird. Denn auch wir gehen auf diesen Horizont zu, egal, was die kommenden Tage bringen werden. Das jedenfalls ist die Verheißung, die sich verbindet mit der Geburt dessen, dessen Ankunft wir erwarten, die Verheißung, dass dieser Horizont kein Wunschdenken ist, sondern bereits Wirklichkeit geworden.

Es war die Zeit der römischen Besatzung, als Johannes der Täufer zwei seiner Jünger aussandte, um einen Mann mit Namen Jesus zu fragen, ob er nun der Messias sei, in dem sich diese Verheißung erfülle. Folgendes gab Jesus den Johannes-Jüngern auf den Weg: „Geht und verkündet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“

In Jesus war dieser heilvolle Horizont zum Greifen. Aber nicht alle ergriffen ihn erstaunlicherweise, sondern ärgerten sich an ihm. Er passte ihnen nicht ins Bild, in das Bild eines göttlichen Königs etwa oder das Bild eines heiligen Mannes.

Wir sollten dies im Blick behalten, wenn wir nach diesem heilvollen Horizont Ausschau halten. Es kann gut sein, dass er anders aufscheint, als wir es uns auszumalen gelernt haben. So lasst uns Gott bitten, uns unsere Augen aufzutun und unsere Ohren zu öffnen, damit wir uns nach diesem heilvollen Horizont ausrichten.

Amen.

(Predigt über Jesaja 35,3-10  im Haus der Bayerischen Wirtschaft am 14.12.2018)

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