Zwei Herren über Leben und Tod

Predigt an Lätare zu Joh 18,28 – 19,5 (s. hier den Bibelabschnitt zum Nachschlagen)

Liebe Gemeinde,

(1) Eine wirkmächtige Begegnung

Eine bemerkenswerte Szene ist es, die wir heute betrachten. Bemerkenswert und wirkmächtig. Die Begegnung von Pilatus und Jesus, sie hat mannigfach Eingang gefunden in Literatur und Kunst.

Die Kernsätze des Pilatus sind zu geflügelten Worten geworden – sei es die Frage, die Pilatus an Jesus richtet: „Was ist Wahrheit?“, sei es der Ausruf, mit dem Pilatus den gefolterten Jesu dem Volk präsentiert: „Seht, welch ein Mensch“ – oder schließlich das illustre: „Ich wasche meine Hände in Unschuld.“

Und natürlich wird die Begegnung zitiert im Glaubensbekenntnis: „Gelitten unter Pontius Pilatus“ – das ist nicht nur eine zeitliche Einordnung des Lebens Jesu. Das ruft diese Begegnung in Erinnerung, jeden Sonntag, an dem wir das Bekenntnis sprechen.

Wie kommt es, dass diese Begegnung über die Jahrhunderte so wirkmächtig war und ist? Es ist wohl so, dass hier, bei dieser Begegnung zwischen dem Menschen, der zu seiner Zeit an jenem Ort des Geschehens Herr über Leben und Tod war, und dem Menschen, der vom Herrn über Leben und Tod zeugt, sich etwas verdichtet, was uns alle angeht. Denn was hier, zwischen Pilatus und Jesus verhandelt wird, das ist nichts weniger als die Frage nach dem, wer Gott ist – und was das für uns Menschen heißt.

(2) Zwei Herren über Leben und Tod

Pilatus hat sich diese Verhandlung nicht ausgesucht. Sie wird ihm aufgedrängt. Darin ist er uns gleich. Auch wir suchen sie uns nicht aus, diese Verhandlung der Frage nach dem, wer Gott ist. Das Leben lässt uns diese Frage verhandeln, immer wieder – und immer wieder anders. Sie taucht auf, diese Frage, einfach so – bei Pilatus in Gestalt der Juden, die bei ihm frühmorgens vor der Tür stehen und zunächst einmal herumdrucksen, was sie eigentlich wollen.

Offensichtlich ist es noch nicht, worum es in diesem Fall geht. Da gibt es also einen, der den Juden ein Dorn im Auge ist, warum auch immer. Sie rücken damit nicht heraus. Wozu sich damit auseinandersetzen? Das könnte unnötigen Stress bedeuten. So sagt dann Pilatus auch: So nehmt ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetz. Allein, er wird nicht aus der Verantwortung entlassen. Im Gegenteil, jetzt wird er erst richtig hineingezogen in eine Angelegenheit, in der es um Leben und Tod gehen soll.

Keine leichtfertige Angelegenheit ist das, auch für Pilatus nicht. Auch wenn er dort in Jerusalem Herr über Leben und Tod ist, so hat er doch genug Respekt, um nicht einfach blindlings den Daumen zu heben oder zu senken, je nach Lust und Laune.

Tatsächlich, das ehrt ihn – und unterscheidet ihn von so manchen Herren über Leben und Tod, die in ihren Allmachtsphantasien diesen Respekt, diese Achtung, diese Achtsamkeit nicht mehr aufzubringen fähig sind.

Pilatus macht sich die Mühe und fragt nach: Bist du der König der Juden? Natürlich ist das auch seine Pflicht. Sollte hier einer auftauchen, der die Vorherrschaft der Römer in Frage zu stellen fähig wäre, er müsste ja handeln. Aufruhr – das ist ja nun wirklich ein Tatbestand der Todestrafe würdig. Allein, nach einem König schaut dieser Mensch da nicht aus. Und merkwürdig ist es ja allemal, dass die Juden selbst ihren angeblichen König den Römern überstellen.

(3) Merkwürdigkeiten

Merkwürdig – vielleicht ist es auch Ihre Erfahrung, dass es merkwürdig zugeht, wenn die Frage nach dem, wer Gott ist, auf einmal im eigenen Leben auftaucht. Es ist würdig sich zu merken.

Denn da passieren Dinge, die Fragen aufwerfen, neue Fragen. Und Antworten werden gegeben, die sich nicht so recht einordnen lassen – so wie die Antwort Jesu:

Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt.

Irgendwie einleuchtend klingt es, was dieser Jesus da von sich gibt. Wenn er ein König wäre, so wie Pilatus das kennt, dann hätte er doch eine Armee, zumindest eine Leibgarde. Dann stünde er hier doch nicht allein und entblößt.

Und doch passt diese Antwort nicht in das vertraute Schema des Pilatus. Denn ein König zu sein behauptet dieser Mensch dann doch irgendwie – ohne die Insignien der Macht. Was soll das heißen? So bist du dennoch ein König? fragt Pilatus zaghaft nach. Dennoch – auch wenn ich’s nicht erkennen kann?

Man kann sich vorstellen, dass Pilatus diese Frage in einer Mischung aus Sorge, Neugierde und Belustigung stellt. Noch scheint er hin und her gerissen zu sein, ob dieser da nun doch eine Bedrohung sein könnte, einfach nur spinnt oder vielleicht doch etwas in petto hat, was durchaus interessant, durchaus lehrreich wäre. Der da wird zum Untersuchungsgegenstand.

Zur Haltung des Richters kommt die Haltung des Forschers. Ist das nicht so, wenn die Frage nach dem, wer Gott ist, auftaucht, dass wir dann erst einmal forschen? Fragen stellen? Versuchen zu ordnen und einzuordnen? Alles griffig zu machen? Und das möglichst in neutraler, distanzierter Haltung?

(4) Vom Umgang mit der Wahrheit

So zumindest erscheint einem Pilatus. Auf die Worte Jesu: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. sagt er nur trocken: Was ist Wahrheit?

Viel ist geschrieben und nachgedacht worden über diese Frage. Man kann hier den zynisch gewordenen Politiker hören, dessen Geschäft es ist, spezielle Wahrheiten zu verkaufen und wirkungsvolle Lügengeschichten zu platzieren. Man kann den Philosophen hören, der weiß (oder zu wissen meint), dass Wahrheit eine relative Größe ist, die im Auge des Betrachters liegt. Man kann den im Römischen Reich weitgereisten Expat hören, der in seinem abwechslungsreichen Leben schon so manche Überzeugung hat relativieren müssen.

Und doch signalisiert diese Frage vor allem eines: Pilatus hat kein Interesse an der Wahrheit, von der dieser Jesus zeugt. Seine Frage lautet ja nicht: „Von welcher Wahrheit sprichst du da?“ Jesus bleibt Stichwortgeber für Pilatus. Wenn einer schon mit der Wahrheit anfängt, mit dem großen Ganzen, das ist dann doch eine Nummer zu groß. Auf Grundsatzdiskussionen lässt sich ein Pilatus nicht ein. Er ist der, der die Fragen stellt, nicht der, der sich in Frage stellen lässt.

Das nun unterscheidet ihn von denen, die dem nachgehen, was dieser Jesus sagt. In diesem Nachgehen werden sie zu Jüngern dieses Jesus. Indem sie seine Stimme hören und dieser Stimme folgen, tauchen sie ein in diese Wahrheit, von der er zeugt. In diese Wahrheit eintauchend beginnen sie aus dieser Wahrheit zu sein, wohlgemerkt zunächst einmal: zu sein.

Diese Wahrheit ist zunächst einmal keine Gebrauchsanleitung zum Leben. Sie ist keine Ethikfibel. Sie ist eine Lebensform. Jünger sein, heißt, sich in eine bestimmte Geschichte hineinnehmen lassen, eine Geschichte, die viel größer ist als wir selbst, eine Geschichte, die von Gott zeugt, der mit uns Menschen ist (Sie erinnern sich: es ging und geht ja um die Frage, wer dieser Gott ist). „Aus der Wahrheit sein“, das heißt: In dieser Geschichte, in diesen Geschichten leben, sich aufhalten, sich bewegen, die uns überliefert sind.

Nichts anderes tun wir Sonntag für Sonntag, wenn wir uns hier versammeln, wie alle Christen weltweit. Wir lassen uns hineinnehmen in diese Geschichten, wir hören auf die Stimme Jesu.

Dass dies nichts Selbstverständliches ist, was wir da tun, – und dass es sehr wohl einen Unterschied macht, das zeigt uns Pilatus. Auch er hätte die Möglichkeit gehabt, sich Jesu Stimme anzuvertrauen. Wer weiß, wie die Geschichte dann weiter gegangen wäre?

(5) Von der Machtlosigkeit menschlicher Macht

Stattdessen geht Pilatus nach bewährter Manier vor, um sich der Angelegenheit zu entledigen, die ihm da am frühen Morgen vor die Füße gefallen ist. Mit zwei scheinbar klugen Schachzügen will er das Volk dazu bewegen, von Jesus zu lassen.

Zuerst bietet er ihnen an, ihr Urteil in seinem Sinne zu revidieren. Sie sollen ihn bitten, Jesus zu begnadigen. Allein, das Volk will nicht. Zu durchschaubar ist sein Schachzug. Da bleibt nur noch der Wink mit dem Zaunpfahl: Pilatus lässt Jesus schlagen und erniedrigen – eine Machtdemonstration, aber vor allem ein Versuch, das Volk doch noch umzustimmen. Was sie da behaupten, dass dieser ein König sei, darüber kann sich einer wie Pilatus nur spöttisch erheben.

Sein Spott gilt nicht Jesus. Er gilt dem Irrsinn der Masse. Allein – dieser Irrsinn lässt sich weder mit Tricks noch mit Gewalt beheben. Am Ende ist Pilatus, der Herr über Leben und Tod, mit seinem Latein am Ende. Obwohl er das Leben dieses Menschen Jesus will, muss er seinen Tod beschließen.

Wie vielen Mächtigen auf Erden es wohl schon so ergangen ist, die das Leben wollten und den Tod beschlossen? Wie oft es uns wohl schon so ergangen ist, dass wir so handeln, wie Paulus es so trefflich sagt: Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich?

Pilatus, er ist uns näher, als wir gerne glauben mögen. Er ist uns nahe als der Mensch, der die Wahrheit, von der Jesus zeugt, nicht zu hören bereit ist, weil er meint, sie nicht zu brauchen. Daran scheitert er und will’s nicht wahrhaben. Stattdessen will er doch lieber glauben, dass er seine Hände in Unschuld waschen könnte.

„Gelitten unter Pontius Pilatus“ – dieser Halbsatz aus dem Glaubensbekenntnis ruft uns all dies ins Gedächtnis.

(6) Seht, welch ein Mensch!

Er ruft uns aber auch ins Gedächtnis, dass das von Pilatus mit ausgelöste Leid diesen Menschen nicht zugrunde richtet.

„Seht, welch ein Mensch!“ – „Ecce homo!“ – diese Worte, mit der unsere Geschichte heute schließt, sie weisen schon über das hinaus, was hier zu sehen ist. Sie lassen schon die Umdeutung dessen erfahren, was hier noch vor Augen ist: der Dornenkranz, der zur Krone des Herrn über Leben und Tod wird, das Purpurgewand, das diesem König der Ehren recht steht, einem König, der selbst in die Hölle hinabzusteigen und von dort wieder zurückkehren vermag, ein König, der die Welt nachhaltig irritiert, wenn sie ihn nach ihren Maßstäben misst, der wahre Mensch, der uns Menschen macht, wenn wir ihn denn lassen.

Daher: „Seht, welch ein Mensch!“ Auf ihn lasst uns schauen und auf seine Stimme hören.

Amen.

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