Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn

Andacht zu Genesis 32,23-32 (s. hier den Bibelabschnitt zum Nachschlagen)

Liebe AEU-Mitglieder, liebe Gäste,

unser Jahresthema ist „Freiheit und Verantwortung“. Und wir haben dieses Thema ein wenig so angegangen, als ob wir mit diesen zwei Worten eine Überschrift auf ein Banner geprägt haben. Ein Banner, das wir dann über das Leben eines Christenmenschen, auch über unser Leben als in der Wirtschaft tätige Christenmenschen spannen könnten. Die heutige Geschichte lädt uns ein, noch einmal einen Schritt zurück zu treten. Sie lädt uns ein, ein wenig den Blick auf diesem Banner verweilen zu lassen. Sie lädt uns ein, zu fragen, ob dieses Banner vollständig beschriftet ist, ob damit wirklich unser ganzes Leben als Christenmenschen zu fassen wäre.

Was, wenn wir nun noch einmal den Edding zur Hand nähmen, um uns noch ein Wort zu notieren? Etwa das Wort „Segen“, das ja so prominent in der heutigen Geschichte auftaucht. „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ – übrigens der Monatsspruch für diesen Juni. Nicht nur zu diesem einen Akt aus dem Leben des Jakob, sondern zu Jakobs gesamtem Lebensweg würde dieses Wort zur Überschrift gehören. Besser noch als „Freiheit“ und „Verantwortung“, Worte, die da nicht so recht greifen wollen, zumindest nicht so, wie wir von ihnen gemeinhin zu denken und zu reden gelernt haben – als individualethische Kategorien im „vita activa“ eines „homo faber“.

Erinnern wir uns: Jakobs Geschichte ist zwar die Lebensgeschichte eines frommen, gesegneten Menschen ist. Aber diese eine Lebensgeschichte kann nicht erzählt werden ohne die Lebensgeschichten anderer – seines Bruders Esau, seiner Eltern Rebekka und Isaak, seiner Großeltern Sara und Abraham, ja, seiner Kinder, deren Namen auf ewig die Banner der zwölf Stämme Israels schmücken.

Die individualethische Erzählperspektive unter dem Banner „Freiheit und Verantwortung“ würde da zu kurz greifen. Gilt das aber nicht auch für uns? Können unsere Lebensgeschichten erzählt werden ohne die Geschichten unserer Eltern und Großeltern, ohne die Geschichten unserer Geschwister und unserer Kinder?

Und sind diese Geschichten zu Ende erzählt, wenn wir von der Freiheit und Verantwortung der einzelnen Protagonisten berichten? Oder geht es da nicht auch – wie in der Geschichte von Jakobs Clan – immer wieder um Segen und Fluch, um Gelingen und Scheitern, um Heil und Unheil, um Widerfahrnisse, Verwobenheiten und Verstrickheiten, die man als einzelner noch so Frommer und Gerechter kaum in der Hand hat und mit denen man irgendwie zurechtzukommen versucht?

So wie eben dieser Jakob. Was ist Jakob nicht alles widerfahren, bevor er da steht an der Furt des Jabbok, verstrickt in die Netze, die andere gesponnen hatten und an denen auch er kräftig mit gewoben hatte mit all seinen Tricks und Listigkeiten? All das brachte ihn in die Zwickmühle, in der er sich befand, dort am Jabbok, eingeklemmt zwischen zwei männlichen Verwandten, die ihm nicht gerade wohl gesonnen waren:

Hinter ihm sein alter Onkel Laban, Bruder seiner Mutter Rebekka, Vater seiner beiden Frauen Lea und Rahel. 20 Jahre hat er ihm gedient, 14 Jahre, um sich zwei Frauen zu erarbeiten, Rahel, die er liebte, und Lea, die Untergejubelte, weitere sechs, um mit einem gesegneten Wohlstand in die Heimat zurückzukehren.

Diesen Wohlstand wollte ihn der Onkel nicht gönnen. Profitiert hatte dieser alte Trittbrettfahrer in all den Jahren von dem gesegneten Wirken Jakobs, aber den Hals hatte er nie voll bekommen. Nur mit Gottes Hilfe konnte Jakob sich diesen schwierigen Onkel gerade noch vom Leib halten.

Und vor ihm, da wartete sein Bruder Esau. Vor dem war er geflohen, damals, vor 20 Jahren. Esau, den Jakob um all seine Privilegien gebracht hatte. Zuerst hatte er, Jakob, der Frommere der beiden, seinem Bruder die religiösen Privilegien des Erstgeborenen abgeluchst, der zum Haus- und Hofpriester berufen war. Esau, der Jäger, der Rohling, hatte dieses von ihm nicht geschätzte Privileg für ein Linsengericht einfach hergeschenkt.

Und dann half Mama Rebekka noch kräftig mit, dass auch der Segen des Erstgeborenen ihrem Lieblingssohn Jakob zugesprochen wurde. Rebekka kannte die Schwäche ihres Mannes Isaak. Bei dem ging die Liebe durch den Magen. Deswegen liebte er auch den Jägersohn Esau so viel mehr, weil der immer das leckere Wildbret anschaffte. Ein Leichtes, diesen blinden Nimmersatt mit einem feinen Mahl zu übertölpeln und den Segen zu erheischen. Zurück blieb Esau mit leeren Händen und kaltem Zorn. Kein Wunder, dass er ersinnt, den Jakob zu töten. Ein Glück, dass Rebekka davon Wind bekommt und den Jakob fort schickt.

Da steht er nun, dieser Jakob, an der Furt des Jabbok, in der Zwickmühle. Ist er nun wirklich gesegnet angesichts solch eines Lebens?

So recht zu wissen scheint er’s auch nicht. Klar, zugesprochen wurde ihm schon viel: Eine Verheißung für ihn hatte bereits seine Mutter vor der Geburt empfangen. Dann segnete ihn der Vater, mehrfach, dann Gott selbst sogar mit dem Segen Abrahams, damals in Bethel auf der Himmelsleiter. Doch der Zuspruch entfaltete sich höchst ambivalent:

Ja, Reichtum erwarb er, aber fern der Heimat und dank Maloche für einen anderen.Ja, Liebe und Nachkommenschaft wurde ihm zuteil mit Rahel, aber er kennt auch den Beischlaf als Ehepflicht mit Lea.

Und so einfach verlassen wusste Jakob sich auch nie auf das, was ihm verheißen ward. Immer wieder half er dem Glück mit Tricks nach. Auch jetzt hat er aktiv vorgesorgt, hat sein Hab und Gut in zwei Lager aufgeteilt, um eines zu retten, sollte Esau das andere überfallen. Und er hat mehrere Delegationen mit reichen Geschenken vorausgeschickt, um Esau und seine 400 Mann starke Truppe milde zu stimmen, bevor die beiden Brüder aufeinander stoßen.

Auch betend sorgt er vor, erinnert Gott selbst an seine Verheißungen: Errette mich von der Hand meines Bruders…; denn ich fürchte mich vor ihm, dass er komme und schlage mich, die Mütter samt den Kindern. DU hast gesagt: Ich will dir wohl tun und deine Nachkommen machen wie den Sand am Meer…“ Jakob fordert wieder einmal sein Glück heraus, betend, flehend, beschwörend – der homo faber als homo orans, vita activa eines Frommen.

Und Gott, der Angerufene? Gott lässt sich nicht lange bitten. Gott sucht Jakob heim, aber anders als erwartet. Ringend, kämpfend, auf Mark und Bein verletzend, im Schatten der Nacht. Jakob, nichts ahnend zunächst, was da passiert, steht seinen Mann, irgendwie, er lässt nicht locker, irgendwie, entwickelt ein Gespür für diesen Kampf und worum es dabei geht, irgendwie – und als die Morgenröte anbricht, bleibt er zurück als Gesegneter, als Geretteter, als Gott Begegneter.

Im Dunkel der Nacht hat er den Segen erringend empfangen, empfangend errungen, im Dunkel der Nacht. Dass sein Gebet so erhört werden würde, das wäre ihm wohl im Traum nicht eingefallen. Und dass er dabei gezeichnet zurückbleibt, sicher auch nicht – gezeichnet an seinem Leib, gezeichnet an dem, wie ihn die anderen fortan rufen werden, und spürbar gesegnet.

Ausbuchstabiert wird nicht, was dieser Segen nun bedeutet, bewirkt. Bleibt es nun unserer Phantasie oder vielleicht noch mehr: unserem Tun in Freiheit und Verantwortung überlassen, diesem Segen Gestalt zu geben?

Nun ja: Jakobs Geschichte gibt uns eher den Hinweis, dass das Mühen, Gottes Segen Gestalt zu geben, ihm durch Tricks und Maloche nachzuhelfen, in die Zwickmühle führt. Jakobs Geschichte gibt uns eher den Hinweis, dass Gott sich segnend sich so ganz anders erweist als wir es in unseren Wünschen und Fantasien und Gebeten erwarten, vielleicht sogar erzwingen wollen.

Vielleicht können wir diesen Segen des Jakob so unausgedeutet stehen lassen, wenn wir uns vor Augen führen, dass die endgültige Deutung dieses Segens noch aussteht. Denn dieser Segen entfaltet sich weiter in den ineinander verwobenen Lebensgeschichten der Nachkommen Jakobs.

Und dann könnten wir erahnen, dass auch wir mit unseren Lebensgeschichten da hinein verwoben sind als Kinder Jakobs. Dann könnte es uns widerfahren, dass Gott sich in unseren Lebensgeschichten andeutet, dass Gott uns packt und wir einander nicht mehr los lassen. Gut, wenn wir uns dann an die Antwort unseres Vorfahren Jakob erinnern und sie nachsprechen: „Ich lasse dich nicht; du segnest mich denn.“

Amen.

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