{"id":471,"date":"2021-06-27T10:31:00","date_gmt":"2021-06-27T09:31:00","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=471"},"modified":"2021-06-06T11:11:32","modified_gmt":"2021-06-06T10:11:32","slug":"meinen-pfad-und-meine-rast-sichtest-du","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=471","title":{"rendered":"Meinen Pfad und meine Rast sichtest du"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl Geistes.<\/p>\n\n\n\n<p>Geliebte Tagungsgemeinde,<\/p>\n\n\n\n<p>jetzt also auch noch der Herrgott. Nicht genug, dass wir von Cookies und Trackern allweil im Netz verfolgt werden, dass unsere Arbeitgeber gewollt oder ungewollt Daten \u00fcber uns sammeln und auswerten, dass die Clouds der gro\u00dfen IT-Dienste sich vollsaugen mit unseren Livefeeds, dass die Kameras unserer Rechner gehackt werden k\u00f6nnen, jetzt also auch noch der allgegenw\u00e4rtige Herrgott.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat ja Tradition. Bevor es den \u201eBig Brother watching you\u201c, gab, gab es schon lange Bilder vom \u201eBig Father\u201c. \u201eDer liebe Gott sieht alles\u201c. So haben es vielleicht einige von Ihnen noch als mehr oder weniger sanften Hinweis in ihrer Erziehung genossen. Das war die Parole des vordigitalen Helikopterelterntums, lange bevor dieses Wort erfunden wurde.<\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<p>Jetzt als auch noch der Helikopterherrgott. Helikopterm\u00e4\u00dfig kommt dieser Gott in den Eingangsversen des 139.Psalms ja auch r\u00fcber, wenn es da in dem uns vertrauten Lutherdeutsch hei\u00dft:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>1<\/sup>Herr, du erforschest mich<\/em> <em>und kennest mich.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>2<\/sup>Ich sitze oder stehe auf, so wei\u00dft du es;<\/em> <em>du verstehst meine Gedanken von ferne.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>3<\/sup>Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst all meine Wege.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>4<\/sup>Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht alles w\u00fcsstest.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>5<\/sup>Von allen Seiten umgibst du mich und h\u00e4ltst deine Hand \u00fcber mir.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und dass vor diesem Gott kein Entrinnen ist, das macht der Psalmist im Anschluss in diesen Versen deutlich:<\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>7<\/sup>Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,<\/em> <em>und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>8<\/sup>F\u00fchre ich gen Himmel, so bist du da;<\/em> <em>bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>9<\/sup>N\u00e4hme ich Fl\u00fcgel der Morgenr\u00f6te&nbsp;und bliebe am \u00e4u\u00dfersten Meer,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>10<\/sup>so w\u00fcrde auch dort deine Hand mich f\u00fchren&nbsp;und deine Rechte mich halten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>11<\/sup>Spr\u00e4che ich: Finsternis m\u00f6ge mich decken<\/em> <em>und Nacht statt Licht um mich sein \u2013,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>12<\/sup><\/em><em>so w\u00e4re auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Man muss das einmal h\u00f6ren und sich auf der Zunge zergehen lassen, um zu begreifen, dass das Moment eines allgegenw\u00e4rtigen, allsichtigen Gottes nicht erst in dem \u201eDer liebe Gott sieht alles\u201c seine Sprache gefunden hat, sondern bereits in den Gebeten der Bibel.<\/p>\n\n\n\n<p>Solch eine unentrinnbare Gegenwart kann Angst machen. Oder sie kann zum Angst machen benutzt werden. Wer vor mir verborgen ist, aber alles \u00fcber mich wei\u00df, macht Angst.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Angst, welche das digitale Zeitalter mitpr\u00e4gt. Nicht nur wegen der m\u00f6glichen Gl\u00e4sernheit unserer Existenz. Auch beim digitalen Tempo k\u00f6nnen viele nicht mehr mithalten. Und die sch\u00f6ne, neue Welt der Start-ups und Digitalkonzerne findet Kicker und K\u00f6rbe voller Obst zwar cool, institutionalisierte Mitbestimmung daf\u00fcr weniger.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Angstbearbeitung w\u00e4re da doch angesagt, aber doch kein Herrgott, der durch seine Allwissenheit, Allgegenwart und Allsichtigkeit den kleinen Menschen noch mehr in die Enge seiner \u00c4ngste zu treiben droht.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum also dieses Gebet? Weil es eben Angstbearbeitung ist. Nicht die Angst vor diesem Herrgott jedoch wird bearbeitet, sondern die Angst vor einem Leben, das ohne diesen Herrgott nicht im Guten denkbar w\u00e4re f\u00fcr den Beter.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Herrgott schaut nach ihm aus, wo es f\u00fcr ihn un\u00fcbersichtlich wird, in dieser un\u00fcbersichtlichen Welt wie auch im un\u00fcbersichtlichen Treiben seines eigenen Herzens.<\/p>\n\n\n\n<p>So fleht er diesen Herrgott an:<\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>23<\/sup><\/em><em>Erforsche, Herrgott, mich, kenne mein Herz, pr\u00fcfe mich, kenne meine sorgenvollen Gedanken,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>24<\/sup><\/em><em>sieh, ob ich auf einem Weg der M\u00fchsal und des Schmerzes bin, und leite mich auf dem Weg der Ewigkeit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Aber warum? H\u00f6ren wir ihm weiter zu:<\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>13<\/sup>Du hast meine Nieren bereitet<\/em> <em>und hast mich gebildet im Mutterleibe.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>14<\/sup>Ich danke dir daf\u00fcr,<\/em> <em>dass ich wunderbar gemacht bin;<\/em> <em>wunderbar sind deine Werke;<\/em> <em>das erkennt meine Seele.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>15<\/sup>Es war dir mein Gebein nicht verborgen, da ich im Verborgenen gemacht wurde,<\/em> <em>da ich gebildet wurde unten in der Erde.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><sup>16<\/sup>Deine Augen sahen mich,<\/em> <em>da ich noch nicht bereitet war,<\/em> <em>und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,<\/em> <em>die noch werden sollten und von denen keiner da war.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wer so betet, auf Du und Du, der \u00e4ngstet sich nicht vor diesem Herrgott. Die Allgegenwart und Allsichtigkeit dieses Herrgotts erlebt er nicht als beengend, sondern als intim. Staunend bringt er die N\u00e4he zur Sprache, die zwischen ihm und diesem Herrgott besteht, nicht weil er sie selbst denn gesucht h\u00e4tte, sondern weil sie zu seiner DNA als Mensch geh\u00f6rt. Adam, geformt aus der Adama, der Erde, lebendig durch den Ruach, den heiligen Geist des sch\u00f6pferischen Herrgotts.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wer so betet, auf Du und Du, der betet mit dem Atem dieses Geistes, selbst wenn es ihm die Stimme verschl\u00e4gt im Angesicht der un\u00fcbersichtlichen Welt und des un\u00fcbersichtlichen Treibens seines Herzens.&nbsp;<em>Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich\u2019s geb\u00fchrt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. (R\u00f6m 8,26)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Seufzen wird die Angst, die beklemmende Enge dieser Welt und dieses Lebens zur Ader gelassen. Neudeutsch: da findet Angstbearbeitung statt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Passt dies ins digitale Zeitalter? Warum eigentlich nicht? Wer sich mit diesem Herrgott auf du und du versteht, dem sollten Datenflut und Datenkraken, die Ungeheuer des digitalen Zeitalters, doch wenig oder zumindest weniger angsteinfl\u00f6\u00dfend erscheinen. Nicht dass sie dann zu z\u00e4hmen oder gar zu besiegen w\u00e4ren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit ihren Ambivalenzen werden wir weiterhin zu ringen haben, aber eben in der Zuversicht, dass der, zu dem wir \u201eDu\u201c sagen,&nbsp;<em>\u201e\u2026meinen Pfad und meine Rast sichtet\u201c.<\/em>&nbsp;Der Herrgott sichtet das Tun und das Ruhen des Menschen \u2013 so stellt der Beter fest und meint mit dem Sichten das Sieben, das Trennen von Spreu und Weizen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6gen wir in dieser durchbeteten Zuversicht auf dieses Sichten Gottes in unserem Tun und Ruhen auch heute die Spreu vom Weizen zu trennen \u00fcben in der digitalen Arbeitswelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Amen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Morgenandacht \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.die-bibel.de\/bibeln\/online-bibeln\/lesen\/LU17\/PSA.139\/Psalm-139\">Psalm 139<\/a> auf der Tagung &#8222;Gl\u00e4serne Mitarbeiter?! Transparenz und Datenschutz in der digitalen Arbeitswelt&#8220; an der Evangelischen Akademie Tutzing am 21.5.2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl Geistes. Geliebte Tagungsgemeinde, jetzt also auch noch der Herrgott. 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