{"id":426,"date":"2020-03-14T17:43:34","date_gmt":"2020-03-14T16:43:34","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=426"},"modified":"2021-06-06T11:00:59","modified_gmt":"2021-06-06T10:00:59","slug":"der-mensch-vor-gott-in-digitalen-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=426","title":{"rendered":"Vom Menschen reden in digitalen Zeiten"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Reisesegen auf der R\u00fcstzeit des AEU in Arnoldshain am 7.3.2020<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geliebte AEU-Mitglieder,<\/p>\n\n\n\n<p>was macht uns Menschen eigentlich aus? Mit dieser Frage bin ich aus dem gestrigen Tag heraus gegangen, einfach, weil ich denke, dass, wenn wir auf diese Frage Antworten geben, dies uns vielleicht helfen k\u00f6nnte, eine Haltung zu finden oder unsere bereits vorhandene Haltung zu den Ph\u00e4nomenen der Digitalisierung besser zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>So habe ich ja die doppelte Einladung zur Diskussion mit Paul Melot de Beauregard und Herrn Bulander verstanden, eine Einladung dazu, sich zur Digitalisierung zu ver-halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn theologisch davon gesprochen wird, was einen Menschen ausmacht, dann blicken wir auf den Menschen vor Gott.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie k\u00f6nnte dieser Blick nun hilfreich sein? Dazu m\u00f6chte ich ein paar Thesen und Gedanken mit Euch und Ihnen teilen.<\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<ol type=\"1\"><li><em>These:<\/em><\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><em>Der Mensch vor Gott ist nicht Gott, sondern Gottes Gesch\u00f6pf. Was das bedeutet, begreift der Mensch durch andere Menschen, die ihm ein Gegen\u00fcber sind in Zuspruch und Widerspruch, nicht durch Maschinen, die ihn spiegeln und zur Emp\u00f6rung reizen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePersonalisierung hei\u00dft auch Einschr\u00e4nkung\u201c. So hat es Herr Hartung ja gestern gesagt und zugespitzt mit den Worten: \u201eWas ich bin, ist gut.\u201c Hilfreich, diese Zuspitzung, denn sie erinnert mich an eines meiner Lieblingsm\u00e4rchen, das von des Kaisers neue Kleider.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Alle sagen doch: \u201eK\u00f6nig, dein Kleid ist wundersch\u00f6n.\u201c, bis ein Kind ausspricht, was alle sehen: Der K\u00f6nig ist nackt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Kind allein ist dem K\u00f6nig ein Gegen\u00fcber in der Geschichte, ein notwendiges, ein heilsames Gegen\u00fcber durch seinen Widerspruch.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Sch\u00f6pfungserz\u00e4hlung hei\u00dft es, dass Gott den Menschen als Zwei geschaffen hat. Gott gibt den Menschen ein Gegen\u00fcber. Der Mensch ist von Anfang an face to face. Der Mensch braucht das, ein Gegen\u00fcber, das ihm und ihr zuspricht, dass ihm und ihr widerspricht, um sich nicht zu verlieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch braucht Zuspruch. Im Zuspruch wei\u00df er, dass er gemeint ist, erlebt sie, dass sie wahrgenommen wird. Ich denke, das ist wohl der Unterschied, Frau Bulander, wenn ich wei\u00df, ob ich mit einem Roboter oder einem Menschen am Telefon rede.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Roboter kann mich nicht meinen, weil er ja nicht mich h\u00f6rt und sieht, sondern meine Worte anhand von Regeln auswertet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Und das ist eben etwas anderes. Roboter sind nicht, auch nicht k\u00fcnstlich intelligent. Sie verstehen nichts. Nur Menschen verstehen \u2013 und k\u00f6nnen damit in Beziehung treten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich mir eine Dienstleistung, eine Funktionalit\u00e4t erwarte, ist das auch v\u00f6llig ok, mit einem Roboter zu reden. Wenn ich in Beziehung treten will, dann brauche ich einen Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und Widerspruch? Widerspruch braucht der Mensch, um zu wissen, dass er Mensch ist und nicht Gott. Mensch ist und bleibt der Mensch nur unter Menschen, die ihm widersprechen und damit deutlich machen, dass er nicht Herr der Welt ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Um dies zu verstehen, muss man nicht erst an Donald Trump denken, wie wir es gestern getan haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso heikler ist es eben, wenn in der digitalen Welt der Widerspruch herausprogrammiert wird und die Menschen damit vergessen, dass der Widerspruch etwas Normales, Menschliches, Notwendiges ist \u2013 und sie stattdessen zu Menschen erzogen werden, die sich emp\u00f6ren. Majest\u00e4tsbeleidigung!<\/p>\n\n\n\n<p>Im Widerspruch gehe ich in die Beziehung mit dem anderen, in der Emp\u00f6rung dient der andere mir lediglich als Projektionsfl\u00e4che meiner Gef\u00fchlslage.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Da ist sie wieder, die Beziehung \u2013 und da ist wieder mein Unglaube, dass Maschinen Widerspruch k\u00f6nnen, weil sie dazu f\u00e4hig sein m\u00fcssten, in Beziehung zu gehen. Dazu verstehen sie nix \u2013 gerade von Beziehung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob Maschinen diese menschliche Gabe so abbilden k\u00f6nnen, wage ich zu bezweifeln.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zumindest nehmen wir derzeit eher wahr, dass sie oft genug programmiert werden, um zu funktionieren, wie alle, die dem K\u00f6nig zujubeln. Wem geschmeichelt wird, der zahlt gerne daf\u00fcr.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das f\u00fchrt mich schon zu meiner&nbsp;<em>2.These:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Mensch vor Gott ist kein Sklave; vielmehr ruft Gott den Menschen mit seinem Namen, segnet ihn und beginnt eine neue Geschichte mit ihm.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Friedhelm Wachs hat gestern eine f\u00fcr mich sehr wichtige Frage gestellt, die mich auch schon l\u00e4nger besch\u00e4ftigt. Du hast sie so gestellt: \u201eLassen wir es weiter zu, dass hinter Netflix-Serien mehr Psychologen arbeiten als Schauspieler oder Regisseure?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Algorithmen werden genutzt und das Design von Plattformen so gestaltet, dass sie abh\u00e4ngig machen. Mit gutem Grund sprechen wir vom Binge Watching in Anlehnung ans Binge Eating.<\/p>\n\n\n\n<p>Dahinter steht f\u00fcr mich eine alte Frage: Ist es akzeptabel, dass Menschen versklavt werden? Und diese Frage f\u00fchrt zu einer alten Diskussion: Wer ist verantwortlich f\u00fcr die Versklavung, der einzelne Mensch, der doch anders k\u00f6nnte, weil er Alternativen hat, oder die, die den wie auch immer gesetzten Rahmen schaffen, der Sklaverei erm\u00f6glicht, gar f\u00f6rdert?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Beides haben Sie, Herr Dr. Bulander, ja thematisiert: ja, es gibt Alternativen zu Google, Facebook oder Amazon f\u00fcr uns, aber gibt es Alternativen f\u00fcr die Kinder in den afrikanischen Minen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte diese Diskussion nicht f\u00fchren, aber doch darauf hinweisen, dass der Gott der Bibel kein Gott ist, der Sklaverei bef\u00fcrwortet. Vielmehr ist der Gott der Bibel einer, der aus der Sklaverei herausf\u00fchrt \u2013 sowohl, indem er eine Alternative bietet \u2013 paradigmatisch das Gelobte Land f\u00fcr das Sklavenhaus \u00c4gypten, als auch, indem sich Gottes Gerechtigkeit in Rechtsprechung und Rechtsetzung niederschl\u00e4gt, die die Schwachen vor den \u00dcbergriffigen sch\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und Rechtsprechung und Rechtsetzung haben oft genug damit angefangen, dass Menschen, deren Stimmen unterdr\u00fcckt wurden, sich Geh\u00f6r verschafft haben und mit ihrem Namen und ihrer Geschichte wahrgenommen wurden. Im Buch der (wohlgemerkt) Richter im Alten Testament ist dies paradigmatisch ein ums andere Mal beschrieben:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>das Volk ruft Gott an angesichts einer Erfahrung der Unterdr\u00fcckung und Gott sendet einen Richter oder eine Richterin, um das Volk zu befreien und damit Recht zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hei\u00dft aber: Gottes Geschichte mit den Menschen ist immer wieder bedroht, Unterdr\u00fcckung und Versklavung treten in immer neuen Facetten auf. Gut, wer dann nicht vergisst, Gott anzurufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer nicht mehr wei\u00df, wie dieses Anrufen geht, der hat \u00fcbrigens in den Psalmen einen reichen Schatz, um sich darin einzu\u00fcben. Kein Wunder, denn der Ort der Psalmen war der Tempel in Jerusalem. Dort durfte man zur Sprache bringen, was, ja wer einen bedr\u00fcckte und versklavte, und erwartete dann einen Rechtspruch Gottes.<\/p>\n\n\n\n<ul><li><em>These:<\/em><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><em>Der Mensch vor Gott ist kein Datensatz, sondern Leib. Nur dadurch ist er wirklich in der Welt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wie ich gestern bereits erw\u00e4hnt habe, ist mir dies noch einmal sehr bewusst geworden, als Herr Farwick beschrieb, dass die Feldpost im digitalen Zeitalter mehr geworden ist. Warum? Ich denke, weil sie das leibliche Bed\u00fcrfnis der Soldaten viel besser bedient als eine E-Mail. Als leibliche Wesen haben wir Sinne, mit denen wir die Welt wahrnehmen. Einen Brief kann man ber\u00fchren, man kann die Farbgebung und Form der Schrift wahrnehmen und daraus Schl\u00fcsse ziehen, man kann ihn riechen (vielleicht das Parfum der Geliebten?) und man kann ihn aufbewahren an einem besonderen Ort.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>All das ist mehr als ein Facebook-Post kann \u2013 und es macht einen Unterschied. Denn \u00fcber die Sinne unseres Leibes nehmen wir unsere Welt \u00fcberhaupt wahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Entwickler von humanoiden Robotern sind sich dieser Wesensart des Menschen bewusst. Sie simulieren ja Menschlichkeit, um die menschlichen Sinne zu t\u00e4uschen, an denen man eben nicht vorbeikommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leiblichkeit wurde gestern auch in einem anderen Zusammenhang noch einmal deutlich, als es um das autonome Fahren ging. Dass man nicht einfach autonom fahrende Autos auf die Stra\u00dfe l\u00e4sst, hat mit der Tatsache zu tun, dass wir alle wissen, dass wir verletzlich sind. Und unsere Verletzlichkeit h\u00e4ngt an unserer Leiblichkeit. Nur mit unserem Leib sind wir in dieser Welt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst der Auferstandene hatte einen Leib, um in dieser Welt zu sein und wahrgenommen zu werden. Und dieser Leiblichkeit werden wir gerecht, wenn wir die Gegenwart des Auferstandenen in Leib und Blut und dabei leiblich und das hei\u00dft ja: mit unseren leiblichen Welterfahrungen miteinander feiern, wie wir es heute Morgen getan haben. Das Wort ward Fleisch \u2013 und wird es immer wieder. So kommt Gott in die Welt, so kommt Gott zu uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Geliebte AEU-Gemeinde,<\/p>\n\n\n\n<p>zusammengefasst l\u00e4sst sich sagen: wenn wir vom Menschen vor Gott reden, dann d\u00fcrfen wir dankbar von dem reden, was uns mitgegeben ist:<\/p>\n\n\n\n<ol type=\"1\"><li>Gott segnet uns, so dass wir keine Sklaven sein m\u00fcssen und niemand versklaven&nbsp;&nbsp;brauchen.<\/li><li>Gott schenkt uns einander, so dass wir nicht Gott spielen m\u00fcssen, sondern in Beziehungen leben k\u00f6nnen.<\/li><li>Gott schenkt uns einen Leib, so dass wir Teil der Welt sein k\u00f6nnen und Gott uns ber\u00fchren kann.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Achten wir auf diese Gaben, wenn wir die digitale Revolution gestalten. Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reisesegen auf der R\u00fcstzeit des AEU in Arnoldshain am 7.3.2020 Geliebte AEU-Mitglieder, was macht uns Menschen eigentlich aus? 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