{"id":420,"date":"2019-11-25T17:28:00","date_gmt":"2019-11-25T16:28:00","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=420"},"modified":"2020-04-12T17:31:48","modified_gmt":"2020-04-12T16:31:48","slug":"das-gegenteil-von-armut","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=420","title":{"rendered":"Das Gegenteil von Armut"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Andacht gehalten \u00fcber Spr\u00fcche 14,34 auf dem Sozialpolitischen Bu\u00df- und Bettag am 20.11.2019 in der Evangeliumskirche M\u00fcnchen <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geliebte Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n\n\n\n<p>sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer,<\/p>\n\n\n\n<p>\u201edas Gegenteil von Armut ist nicht Reichtum; das Gegenteil von Armut ist Gerechtigkeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Den ich hier zitiere, der schafft in einem anderen Land \u00f6ffentliches Bewusstsein f\u00fcr Menschen am Rande. Bryan Stevenson arbeitet seit vielen Jahrzehnten in den USA als Strafverteidiger in Gerichtsverfahren, in denen die Anklage die Todesstrafe fordert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der Regel begleitet er dabei Mandanten, zum Teil auch Minderj\u00e4hrige, die in \u00e4rmliche Verh\u00e4ltnisse geboren wurden, die in ihrem Leben traumatisiert wurden, die Gewalt, Rassismus, Hunger, Obdachlosigkeit oder Missbrauch erlebt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Einsatz f\u00fcr diese Menschen besteht insbesondere darin, ihre Stimmen h\u00f6rbar zu machen, ihnen ein Gesicht zu geben, ihre Lebensgeschichten in die Waagschale zu werfen und nat\u00fcrlich dabei immer wieder die Frage aufzuwerfen, ob die Todesstrafe \u00fcberhaupt f\u00fcr irgendeinen seiner Mandanten ein gerechtes Urteil sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war diesen Sommer vor Ort in Alabama, dort, wo Bryan Stevensons Organisation beheimatet ist. Dabei ist mir eines noch einmal sehr deutlich geworden: Menschen, die am gesellschaftlichen Rande stehen, die werfen nur durch ihre Pr\u00e4senz die Frage f\u00fcr eine Gesellschaft auf, was da als gerecht gilt. Diese Frage birgt in der Regel Sprengstoff. Sie fordert n\u00e4mlich auf, da hinzuschauen, wo es unangenehm und h\u00e4sslich wird, wo die dunklen, die geradezu d\u00e4monischen Seiten eines gesellschaftlichen Konsenses schlummern, da, wo gutes Leben einfach nicht mehr m\u00f6glich ist, auch weil es verunm\u00f6glicht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schwer und unangenehm, m\u00fchselig und traurig, sich mit diesen Seiten zu befassen. Und daher neigen diejenigen, die nicht am Rande stehen, dazu, jene Menschen, die diese Seite durch ihre schiere Pr\u00e4senz ans Licht bringen, in irgendeiner Weise zum Verschwinden zu bringen. In den USA geschieht dies auch, indem man sie nach geltendem Recht und Gesetz t\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<p>Bei uns geschieht das zum Beispiel in der Art und Weise, wie \u00f6ffentliche Statistiken gepflegt und kommuniziert werden. Es macht eben einen Unterschied, ob man in der \u00d6ffentlichkeit von 2,3 Millionen Arbeitslosen spricht, von 3,13 Millionen Menschen, die de facto ohne Arbeit sind, oder gar von 6,5 Millionen Mitb\u00fcrgern, die von Arbeitslosengeld oder Hartz-IV-Leistungen leben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas Gegenteil von Armut ist nicht Reichtum; das Gegenteil von Armut ist Gerechtigkeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gerechtigkeit, so verstehe ich Bryan Stevensons Zitat, f\u00e4ngt damit an, Menschen wahrzunehmen, ihre Stimme zu h\u00f6ren, sich ihre Geschichte erz\u00e4hlen zu lassen, sie eben nicht verschwinden zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass dieser Ansatz gut biblisch ist, daran sehe ich mich erinnert durch den Wochenspruch am heutigen Bu\u00df- und Bettag. Er findet sich im Buch der Spr\u00fcche im 14.Kapitel und lautet:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGerechtigkeit erh\u00f6ht ein Volk, aber die S\u00fcnde ist der Leute Verderben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gerechtigkeit, von der hier die Rede ist, ist eine Gerechtigkeit, von der in der ganzen Bibel gesprochen wird. \u201eZedaka\u201c, so das hebr\u00e4ische Wort, kann man ins Deutsche noch zutreffender \u00fcbertragen, n\u00e4mlich mit \u201eGemeinschaftstreue\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Gesprochen wird dabei zun\u00e4chst einmal von Gott. Gott ist \u201egemeinschaftstreu\u201c, treu n\u00e4mlich gegen\u00fcber seinem Volk, gegen\u00fcber den Menschen, die er ins Leben rief, mit denen er einen Bund schloss. Und diese Gemeinschaftstreue erweist sich darin, dass alle Geh\u00f6r finden vor Gott, damit gutes Leben gelingen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zentrale Ort f\u00fcr diese Praxis der Gemeinschaftstreue war in Israel der Jerusalemer Tempel. Dort durften sich alle, Arme wie Reiche, einfinden mit ihren N\u00f6ten und Sorgen, ihren Gebeten und Opfern. Wer die Psalmen liest, der kann eintauchen in diese Vielstimmigkeit der Anliegen \u2013 und in die Antworten, die Menschen dort am Tempel gegeben wurden, in der Regel eine Mischung aus Verhei\u00dfung und Rechtsprechung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGemeinschaftstreue erh\u00f6ht ein Volk.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gottes Gemeinschaftstreue erh\u00f6ht ein Volk dadurch, dass alle, Arme wie Reiche, Schwache wie Starke, vor Gott Geh\u00f6r finden. Das Gegenteil von Armut ist dann eben nicht Reichtum, weil Armen wie Reichen durch dieses Geh\u00f6r Gerechtigkeit widerf\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich bestand auch damals in Israel schon die Gefahr, dass bestimmte Menschen im Volk nicht mehr Geh\u00f6r finden, zum Verschwinden gebracht werden. Daher hei\u00dft es im Alten Testament immer wieder, wie etwa im 68.Psalm, dass Gott \u201eein Vater ist der&nbsp;Waisen&nbsp;und ein Richter&nbsp;der Witwen.\u201c (Psalm 68,5)&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Erfahrung Israels setzt sich mit Jesus und in der Kirche fort. Daher wird auch im Neuen Testament im Gleichnis vom Weltgericht besonders der Hungrigen und Durstigen, der Fremden und Obdachlosen, der Nackten, Kranken und Gefangenen gedacht. Am Umgang mit ihnen entscheidet es sich, wie man dort besteht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWas ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Br\u00fcdern, das habt ihr mir getan.\u201c<\/em>, so sagt es der Weltenrichter denen, die diese Geschwister in ihren N\u00f6ten im Blick hatten und daher mit Wort und Tat Gemeinschaftstreue zeigten.<\/p>\n\n\n\n<p>Den anderen hingegen, die diese \u00fcbergangen haben, wird deutlich, dass dieses \u00dcbergehen im&nbsp;&nbsp;Widerspruch zum gemeinschaftstreuen Gott steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies entspricht dem vorhin zitierten Wochenspruch zum Bu\u00df- und Bettag, wo es weiter hei\u00dft: \u201eS\u00fcnde ist der Leute Verderben.\u201c S\u00fcnde ist es, die Gemeinschaftstreue Gottes im eigenen Volk aufzuk\u00fcndigen, indem man Menschen \u00fcbergeht, sie zum Schweigen, gar zum Verschwinden bringt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist wohlgemerkt&nbsp;aller&nbsp;Leute Verderben. Denn Menschen inmitten eines Volkes zum Schweigen, zum Verschwinden zu bringen, ver\u00e4ndert eine Gesellschaft.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn einschl\u00e4gige Prognosen sagen, dass jeder f\u00fcnfzehnte Amerikaner, sogar jeder dritte Afroamerikaner, der seit der Jahrtausendwende geboren wurde, ins Gef\u00e4ngnis wandern wird, dann macht das etwas mit allen Menschen in einem Land wie den USA.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Menschen in unseren Armuts- und Arbeitslosenstatistiken verschwinden, wir ihre Geschichten und Erfahrungen nicht kennen, sondern stattdessen vielleicht nur deren mediale Zerrbilder als Sozialschmarotzer, dann macht das etwas mit uns und unserem Land.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher ist es gut, dass heute Abend Menschen, die als Langzeiterwerbslose leben, unter uns h\u00f6rbar geworden sind mit ihren Erfahrungen, W\u00fcnschen und Vorschl\u00e4gen zu einem guten Leben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Hoffnung ist nun, dass dieser Abend mit seinen Begegnungen einen Beitrag dazu leistet, dass die Gemeinschaftstreue, die ein Volk erh\u00f6ht, unter uns weiter wachsen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andacht gehalten \u00fcber Spr\u00fcche 14,34 auf dem Sozialpolitischen Bu\u00df- und Bettag am 20.11.2019 in der Evangeliumskirche M\u00fcnchen Geliebte Schwestern und Br\u00fcder, sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer, \u201edas Gegenteil von Armut ist nicht Reichtum; das Gegenteil von Armut ist Gerechtigkeit.\u201c Den ich hier zitiere, der schafft in einem anderen Land \u00f6ffentliches Bewusstsein f\u00fcr Menschen am Rande. &hellip; <a href=\"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=420\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Das Gegenteil von Armut<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/420"}],"collection":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=420"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/420\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":421,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/420\/revisions\/421"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=420"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=420"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=420"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}