{"id":418,"date":"2019-11-19T17:22:00","date_gmt":"2019-11-19T16:22:00","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=418"},"modified":"2020-04-14T16:07:17","modified_gmt":"2020-04-14T15:07:17","slug":"so-was-von-verlassen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=418","title":{"rendered":"So was von verlassen?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Predigt am vorletzten So. im Kirchenjahr in der Friedenskirche Dachau zu <a href=\"https:\/\/www.die-bibel.de\/bibeln\/online-bibeln\/lutherbibel-2017\/bibeltext\/bibel\/text\/lesen\/stelle\/18\/140001\/149999\/\">Hiob 14<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geliebte Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n\n\n\n<p>der da spricht, dessen Geschichte ist den meisten von uns zumindest in groben Z\u00fcgen vertraut. Es ist Hiob, von dem es gleich zu Beginn seiner Geschichte im nach ihm benannten Buch der Bibel hei\u00dft:&nbsp;<em>\u201eDer war fromm und rechtschaffen, gottesf\u00fcrchtig und mied das B\u00f6se.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann wie aus dem Bilderbuch der Gerechten und Gottesf\u00fcrchtigen, Vorbild in jeder Hinsicht und daher auch \u2013 folgerichtig \u2013 von Gott reich gesegnet. Sieben T\u00f6chter und sieben S\u00f6hne waren ihm geschenkt \u2013 symboltr\u00e4chtig all das, weil ja die Sieben als heilige Zahl galt. Tausende von Schafen, Kamelen, Rindern und Eselinnen \u2013 und damit, was man so an Nutztieren besitzen kann, nannte er sein eigen; dazu&nbsp;<em>\u201esehr viel Gesinde\u201c<\/em>, d.h. Knechte und M\u00e4gde, die sich um all das k\u00fcmmerten. Kein Wunder, dass es von Hiob weiter hei\u00dft:&nbsp;<em>\u201eEr war reicher als alle, die im Osten wohnten\u201c<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dieser reiche Mann ger\u00e4t unter die R\u00e4der, verliert alles, wirklich alles, Familie und Besitz; allein das nackte Leben bleibt ihm. Das ist die Geschichte, in der wir uns vorfinden: einer, den das Gl\u00fcck sowas von verlassen hat \u2013 oder eben: den Gott verlassen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck bleiben Fragen, vielleicht sogar die eine wesentliche: Warum? Warum ist das geschehen? Wer hat Schuld daran?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<p>Gott etwa? So legt es der Anfang des Buches nahe, der so genannte Prolog im Himmel, wahrscheinlich sp\u00e4ter der Ursprungsstory als Deutung vorangestellt. Dort wird erz\u00e4hlt, wie der Satan h\u00f6chstpers\u00f6nlich Gott zu einer Wette herausfordert. Hiob verehre doch Gott nur, so provoziert der teuflische Gegenspieler, weil Gott ihm ja so ein tolles Leben erm\u00f6glicht. Hiob glaubt doch nicht wirklich, er betet doch nur seinen Sugardaddy an. Was aber, wenn Gott ihm alles, aber auch wirklich alles bis auf sein nacktes Leben wegnehme? Dann wird sein Halleluja gewiss verstummen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine zynische Wette, in deren Verlauf Gott und Satan zusehen, wie der Mensch Hiob sich als Versuchstier unter den vereinbarten Laborbedingungen verh\u00e4lt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Deutung vielleicht f\u00fcr all jene, die einen Gott und all das Leid in der Welt noch nie so wirklich zusammengebracht haben. Rein logisch kann Gott, wenn es ihn denn gibt, doch angesichts des Zustands unserer Welt entweder zynisch, machtlos, desinteressiert oder, ja, mit verantwortlich f\u00fcr diesen Zustand sein, ihn gerade zu wollen, warum auch immer \u2013 hier eben, weil er einen wie den Hiob einfach mal auf den Pr\u00fcfstand stellen will.<\/p>\n\n\n\n<p>Variante Zwei der Antwort auf die Schuldfrage ist uns auch vertraut: wenn Gott aus der Verantwortung genommen wird, dann muss es ja der Mensch sein, in dem Falle der Hiob. Nachdem Hiob alles verliert und in Sack und Asche da sitzt, tauchen drei seiner Freunde auf. Die halten allesamt lange Reden, in denen sie nichts anderes sagen. Irgendwie habe Hiob was falsch gemacht. Wenn nicht bewusst, so auf jeden Fall unbewusst, habe er Gott erz\u00fcrnt; und wenn er selbst keine Schuld auf sich geladen habe, so l\u00e4ge sein Fehler mindestens darin, einfach nicht zu verstehen, warum ihm Gott das alles antue. Der tiefere oder h\u00f6here Sinn, wie auch immer, er sei ihm eben verborgen. Daher solle Hiob doch bitte um Gottes willen darauf verzichten, sich zu beschweren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn die Freunde es wirklich gut mit Hiob meinen \u2013 immerhin verbringen sie Wochen sitzend neben ihm, erst schweigend, dann redend \u2013 so verpassen sie ihm mit ihren rhetorischen Moralkeulen nichts anderes als einen Maulkorb.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut also, dass Hiob sich nicht zum Schweigen bringen l\u00e4sst, sondern redet, mit ihnen, aber insbesondere auch mit Gott.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn das ist ja das Bemerkenswerte: In seiner Gottverlassenheit geht er den Gott frontal, dessen G\u00fcte und Segen ihm abhanden gekommen ist. Von Gott selbst will er eine Antwort, eine Reaktion, ein Sich-Verhalten. Unertr\u00e4glich erscheint nicht die Not, sondern das Schweigen Gottes inmitten der Not.&nbsp;<em>\u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c (Psalm 22,2)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und dann, dann beginnt Hiob zu argumentieren, zu diskutieren mit Gott. Nein, er verbirgt sich nicht vor dem Zorn des Allm\u00e4chtigen, weil er wei\u00df, dass solch ein Verbergen unm\u00f6glich ist.<em>&nbsp;\u201eWohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? F\u00fchre ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.\u201c (Psalm 139,7f.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und er fordert Gott heraus, ohne sich gr\u00f6\u00dfer zu machen, als er als allzu verg\u00e4nglicher Mensch ist, dessen Tage auf Erden gez\u00e4hlt sind \u2013 und zwar von Gott selbst. So sagt es ja Hiob im Stile eines biblischen Weisheitslehrers: \u201e<em>Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,&nbsp;geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.<\/em>&nbsp;<em>Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht \u00fcberschreiten kann.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Was aber soll dann der Zorn, die Strafe, die Dem\u00fctigung des Menschen durch Gott, das, was Hiob durchlebt und durchleidet? Besser doch, Gott lie\u00dfe den Menschen g\u00e4nzlich in Ruhe. Es ist die Emp\u00f6rung eines zutiefst Verletzten, Betrogenen, Leidenden. \u201eGott, lass mich doch in Ruhe mit deinem Schei\u00df.\u201c Nachvollziehbar, dieser heilige Zorn \u2013 und doch nicht Hiobs letztes Wort. GottseiDank!<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens, wer sich hier um Gottes Majest\u00e4t sorgt, dem sei gesagt: keine Sorge, Gott h\u00e4lt das aus. Amtlich best\u00e4tigt, steht ja in der Bibel, kommt ja aus dem Munde eines Gottesf\u00fcrchtigen und Gerechten. Solche Majest\u00e4tsbeleidigungen finden sich nicht nur hier.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei so manchem Psalm l\u00e4sst sich \u00c4hnliches entdecken. Ein Trost vielleicht f\u00fcr den einen oder die andere, dass man Gott nicht nur klagen, sondern auch anklagen kann. Gott h\u00e4lt das aus, keine Sorge.<\/p>\n\n\n\n<p>Worauf Hiob uns hier verweist, ist ein Paradox: in der gr\u00f6\u00dften Gottesferne w\u00e4hlt er Worte, die man nur wagt, wenn man sich des anderen gewiss ist. Hiob bleibt ja Gottes gewiss, gewiss, dass Gott Herr \u00fcber Leben und Tod ist und bleibt, gewiss, dass Gott, der Allzuferne, nah genug ist, um jedes einzelne seiner Worte zu h\u00f6ren, gewiss sogar, dass&nbsp;<em>\u201edieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen\u201c (R\u00f6m 8,18)<\/em>&nbsp;k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn so spricht Hiob weiter:&nbsp;<em>\u201e<\/em><em>Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir eine Frist setzen und dann an mich denken wolltest!\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auf Hoffnung, so spricht er, dieser Hiob. Auf Hoffnung, dass Gottes Zorn, Gottes Schweigen und Verborgensein aufh\u00f6ren wird. Auf Hoffnung, dass im Totenreich, da, wo das Leben doch endet, Gott einen Neuanfang zu setzen imstande ist.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDu w\u00fcrdest rufen und ich dir antworten; es w\u00fcrde dich verlangen nach dem Werk deiner H\u00e4nde. Dann w\u00fcrdest du meine Schritte z\u00e4hlen und nicht achtgeben auf meine S\u00fcnde.&nbsp;Du w\u00fcrdest meine \u00dcbertretung in ein B\u00fcndlein versiegeln und meine Schuld \u00fcbert\u00fcnchen.\u201c<\/em>, so bringt Hiob diese seine Hoffnung zur Sprache, im Irrealis des \u201ew\u00fcrde\u201c, denn diese Hoffnung entspricht ebenso gar nicht seiner Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Worauf sich diese Hoffnung gr\u00fcndet? Auf den Glauben, von dem doch die gesamte Schrift, Altes wie Neues Testament, immer wieder zeugt. Ein Glaube, der sich sehnt nach dem Gott, der erbaut und rettet, der heilt und vers\u00f6hnt, der segnet und liebt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nicht so, dass dieser Glaube sich beizeiten erf\u00fcllen muss, dass er wie selbstverst\u00e4ndlich das Bilderbuchleben eines Gottesf\u00fcrchtigen und Gerechten hervorbringt mit viel Vieh und Nachwuchs und Gesinde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Man lese dazu nur einmal das ganze 11.Kapitel des Hebr\u00e4erbriefes, um sich ein gutes Bild von diesem Glauben zu machen und denen, die da als Zeugen des Glaubens erw\u00e4hnt werden. Da war bei weitem nicht immer Zuckerschlecken und High Life. Da war auch \u2013 und ich zitiere \u2013&nbsp;<em>\u201eMangel, Bedr\u00e4ngnis, Misshandlung, Spott und Gei\u00dfelung, Fesseln und Gef\u00e4ngnis.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr ein Segen, wenn es uns anders, n\u00e4mlich einfach gut geht. Was f\u00fcr ein Trost aber auch, wenn wir Not leiden. Das d\u00fcrfen wir mitnehmen von dem, was Hiob da als Hoffnung des Glaubens zur Sprache bringt: dieser Glaube ist weder aufgehoben in unserem Wohlbefinden noch in unserer Not. Er ist weder aufgehoben in unserem Wollen noch unserem K\u00f6nnen, weder in unserer Gottesfurcht noch in unserer S\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist f\u00fcr uns hingegen nachvollziehbar geworden in der Geschichte dessen, in dessen Nachfolge wir stehen, dessen Namen wir tragen, dessen gottverlassenen Moment wir mitten in unseren Kirchen demonstrativ ausstellen, wohlwissend, wie diese Geschichte weiter geht. Sie endet eben nicht in der Gottverlassenheit, weil Gott den Gekreuzigten ruft, weil Gott nach ihm verlangt, weil Gott an ihn im Totenreich eben doch denkt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nennen wir es Gottes Treue, nennen wir es Gottes Liebe, nennen wir es den Bund, den Gott mit uns geschlossen hat \u2013 alles biblische Worte, in die wir uns versenken d\u00fcrfen, wenn Gott uns fern ist, so wie er Hiob fern war. Und vergessen wir dabei nicht, dass Zeiten der Gottverlassenheit nie und nimmer das letzte sind, was der Gott Hiobs, der Gott Jesu, der ja unser Gott ist, uns zumutet. Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt am vorletzten So. im Kirchenjahr in der Friedenskirche Dachau zu Hiob 14 Geliebte Schwestern und Br\u00fcder, der da spricht, dessen Geschichte ist den meisten von uns zumindest in groben Z\u00fcgen vertraut. 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