{"id":399,"date":"2019-05-23T22:03:47","date_gmt":"2019-05-23T21:03:47","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=399"},"modified":"2019-05-13T22:09:22","modified_gmt":"2019-05-13T21:09:22","slug":"ueber-die-wohnlichkeit-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=399","title":{"rendered":"\u00dcber die Wohnlichkeit der Welt"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Predigt an Jubilate 2019 in der Friedenskirche Dachau zu Spr\u00fcche 8,22-36<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Geliebte\nSchwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas Gras\nw\u00e4chst nicht schneller, wenn man daran zupft.\u201c So hat es k\u00fcrzlich einer zu mir\ngesagt, als wir uns \u00fcber die Fu\u00dfballmannschaft meines Sohnes unterhalten haben.\nDie Jungs spielen gerade eine Saison, die die Erwartungen so mancher schlicht\nund ergreifend nicht erf\u00fcllt. Entt\u00e4uschung macht sich breit und es passiert,\nwas im Kinderfu\u00dfball dieser Tage leider allzu h\u00e4ufig passiert: Es wird schnell\nvergessen, dass da Kinder spielen, die keine Roboter sind und auch keine\nWeltmeister.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun spreche\nich das nicht an, um Ihnen hier am Sonntag Morgen etwas \u00fcber meine gesammelten\nFu\u00dfballerkenntnisse zu erz\u00e4hlen, sondern vielmehr, weil mir dieser Spruch mit\nBlick auf unseren Predigtabschnitt mit gutem Grund vor Augen war. In dem geht\nes ja um die Weisheit. Und solch ein Wort, das birgt ja eine geh\u00f6rige Portion\nWeisheit. Eigentlich wissen wir, dass Kinder wachsen und sich entwickeln,\ngewiss mit unserem Zutun, aber dann auch auf eine Art und Weise, die wir so gar\nnicht in der Hand haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie Gras\neben, das w\u00e4chst, wenn es regnet und die Sonne scheint, wenn der Boden mit\ngenug N\u00e4hrstoffen versorgt ist und sich nicht Unkraut stattdessen ausbreitet.\nDa k\u00f6nnen wir Menschen gewiss etwas daf\u00fcr tun, durch D\u00fcngen und Gie\u00dfen, durch\nVertikutieren und J\u00e4ten \u2013 blo\u00df wissen wir auch, dass unser Zutun seine Grenzen\nhat. Der Hinweis auf das Zupfen erinnert uns an diese Grenzen.<\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<p>So lehren uns\nviele Volksweisheiten etwas \u00fcber das Leben, so manche Spr\u00fcche, die in Familien\nvon Generation zu Generation weitergereicht werden, weil sie sich\noffensichtlich im Alltag der Familie bew\u00e4hrt haben, oder Bauernregeln, die ja\nauch aus der Beobachtung der Natur und des Lebens herr\u00fchren, eine Regel, wie\netwa diese: \u201eMenschensinn und Juniwind\n\u00e4ndern sich oft sehr geschwind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Lebensweisheiten,\ndie helfen, das Leben in seinen oft undurchsichtigen Facetten zu begreifen,\nindem sie eine gewisse Ordnung der Dinge in Erinnerung rufen oder diese\nvielleicht erst erkennen lassen, die einen wieder auf den Boden der Tatsachen bringen\noder zumindest mal ins Nachdenken, wo wir sonst blind drauflosrumpeln, die\neinen auch vor den Kopf sto\u00dfen k\u00f6nnen und manch Unangenehmes, vor dem man die\nAugen verschlie\u00dft, ins Bewusstsein hebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und\nnat\u00fcrlich k\u00f6nnen sie auch Banalit\u00e4ten benennen, vielleicht auch, weil diese\nBanalit\u00e4ten eben nicht so banal sind. <em>\u201eMein\nKind, pr\u00fcfe, was f\u00fcr deinen Leib gesund ist; und sieh, was ungesund ist, das\ngib ihm nicht.\u201c<\/em> Was wie ein Wort aus einem heutigen Essensratgeber klingt,\ndas wusste schon der weise Jesus Sirach vor 2000 Jahren zu benennen. Unsere\nmenschlichen Hausaufgaben f\u00fcr ein gutes Leben haben sich offensichtlich nicht\nge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn darum\ngeht es der Weisheit, dieser Weisheit, die so wundersch\u00f6n in unserem heutigen Predigtabschnitt\nbeschrieben ist, wie sie von Anbeginn her anwesend ist und die Sch\u00f6pfung\nbegleitet, wie sie vor Gott und auf der Erde spielt und ihre Lust hat mit dem\nMenschenkindern. Ein Leben, das so fr\u00f6hlich erscheint und so leicht von der\nHand geht, das lebt die Weisheit vor. Ein Leben, zu das uns die allt\u00e4glichen\nLebensweisheiten, die wir kennen und sch\u00e4tzen gelernt haben, auf die wir\nvertrauen und nach denen wir uns richten, am Ende des Tages auch anleiten\nwollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass wir nun\ndiese Weisheit in der Bibel finden, ist schon einmal eine gute Nachricht. Und\ndass wir sie dort als Gesch\u00f6pf Gottes finden, doch auch. Denn unsere Zeit\nrechnet doch gar nicht mehr damit, dass der Gott im Himmel die Weisheit auf\nErden gepachtet h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielmehr\nfragen sich doch nicht wenige, auch in unseren Kirchen, bei den allt\u00e4glichen\nSchreckensmeldungen, wo dieser Gott denn \u00fcberhaupt zu finden sei in all dem\nAufruhr, der Unruhe, der Not der Welt \u2013 und mit ihm das gute Leben. Statt nach\nder Weisheit Gottes zu suchen und zu fragen, sehen sich viele zur\u00fcckgeworfen\nauf sich selbst, damit das eigene Leben gelingt. <em>\u201eEin jeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied.\u201c<\/em> wird da zur Lebensweisheit\n\u2013 oder etwas frommer: <em>\u201eHilf dir selbst,\ndann hilft dir Gott.\u201c<\/em> \u2013 oder etwas martialischer, wie ich es aus den\nM\u00fcndern so mancher Manager schon geh\u00f6rt habe: <em>\u201eNur die Harten kommen in den Garten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wie anders\nda doch die Weisheit Gottes daherkommt und sie dabei unseren Blick auf das\nlenkt, was uns an G\u00fcte und Sch\u00f6nheit tagt\u00e4glich umgibt, auch hier in unserer\nRegion. Wo die Weisheit von den Meeren und Quellen spricht, da habe ich die\nSeen unserer Region vor Augen, den Ammersee etwa oder die Osterseen, da nehme\nich auch die vielen B\u00e4che und Fl\u00fcsse unserer Stadt wahr, denke ich an deren sch\u00f6ne\nStellen an W\u00fcrm oder Amper etwa, oder erinnere mich an Wanderungen an der stets\nsich neu m\u00e4andernden Isar. Wo die Weisheit von den Schollen des Erdbodens\nspricht, da sehe ich die Felder des Dachauer Hinterlands gr\u00fcnen und bl\u00fchen, da\nfreue ich mich auf die Erdbeerernte in der Rothschwaige. Wo die Weisheit von\nden Bergen und H\u00fcgeln spricht, da lasse ich innerlich so manchen Blick\nschweifen in die Alpen und H\u00fcgel des Alpenvorlands.<\/p>\n\n\n\n<p>Und\nnat\u00fcrlich denke ich auch dabei an das, was an dieser G\u00fcte und Sch\u00f6nheit nicht\nmehr so gut und sch\u00f6n ist, gerade auch, weil wir Menschen in unserer\nmenschlichen Torheit es meinen, besser machen zu m\u00fcssen, an B\u00e4che in Dachau,\ndie unter vierspurigen Stra\u00dfen verschwinden, an Brachfl\u00e4chen und tote, weil\nversiegelte Schollen in unserer n\u00e4chsten Umgebung, an Berge, die zerfallen,\nweil das einstmals ewige Eis dahinschmilzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ist es das,\nwas die Weisheit Gottes uns heute sagen m\u00f6chte, wenn sie spricht: <em>\u201eWer mich verfehlt, zerst\u00f6rt sein Leben;\nalle, die mich hassen, lieben den Tod.\u201c<\/em>? <\/p>\n\n\n\n<p>Zumindest\nsch\u00e4rft sie unsere Wahrnehmung auf eine bestimmte Art und Weise, die sich\nvielleicht so sagen l\u00e4sst, dass Gottes G\u00fcte dieser Welt einwohnt und sie\ndeshalb f\u00fcr uns Menschen und f\u00fcr alle anderen Gesch\u00f6pfe \u00fcberhaupt erst wohnlich\nwird. <em>\u201eUnd siehe, es war sehr gut.\u201c<\/em>\nSo hei\u00dft es ja an jedem Sch\u00f6pfungstag in Genesis 1. Weisheitliches Sprechen und\nDenken, wie wir es in der Bibel vorfinden, lehrt uns, wie wir diese Wahrnehmung\ntagt\u00e4glich ein\u00fcben k\u00f6nnen, indem sie uns Orientierung gibt, wie wir diese von Gott\ngeschenkte Wohnlichkeit vorfinden und auch was der Wohnlichkeit der Welt dient\nund was eben nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>So lassen\nsich etwa die Lebensweisheiten des Buches der Spr\u00fcche aufnehmen, etwa dieser: <em>\u201eWer Streit anf\u00e4ngt, gleicht dem, der dem\nWasser den Damm aufrei\u00dft. La\u00df ab vom Streit, ehe er losbricht.\u201c (Spr 17,14)<\/em>\nDass Streit die Wohnlichkeit der eigenen Welt gef\u00e4hrdet, indem sie mit all dem,\nwas ein Streit mit sich bringt, \u00fcberflutet werden kann, brauche ich sicherlich\nnicht erl\u00e4utern. Das leuchtet ein. Und doch wird gestritten \u2013 und die Erfahrung\nsolch einer \u00dcberflutung gemacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz\nlebenspraktisch ist also dieses weisheitliche Sprechen und Denken, denn es will\nnichts anderes, als dass unser Leben gelingt, weil es aus der Weisheit des\nGottes sch\u00f6pft, der dieses Leben schafft und erh\u00e4lt, ja rettet, wenn es vom\nTode bedroht ist. Daher ist diesem Sprechen auch nicht das fremd zu benennen,\nwas unheimlich, widersinnig, ja lebensbedrohend in dieser Welt sein kann. <em>\u201eDrei sind nicht zu s\u00e4ttigen, und vier sagen\nnie: Es ist genug: Das Totenreich und der Frauen verschlo\u00dfner Scho\u00df, die Erde,\ndie nicht des Wassers satt wird, und das Feuer, das nie spricht: es ist genug.\u201c\n(Spr 30,15b.16)<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Mit solchen\nWorten ist die Lebensfeindlichkeit von Tod oder Unfruchtbarkeit, von Naturkatastrophen\ndurch \u00dcberflutung oder Feuer nicht behoben, aber zumindest benannt und die\nWohnlichkeit dieser Welt trotz dieser Erfahrungen festgehalten. Damit sch\u00fcttet\ndie Weisheit eben nicht das Kind mit dem Bade aus, sondern bleibt in der Spur\neines Glaubens an einen g\u00fctigen Gott trotz der Bedrohung der G\u00fcte der eigenen\nWelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass diese\nSpur von Christus her und auf Christus hin zu ziehen ist, das mag der Grund\nsein, weswegen gerade diese Worte \u00fcber die Weisheit Gottes heute an Jubilate\nuns zu bedenken mitgegeben sind, mitten in der Osterzeit, in der wir Christi\n\u00dcberwindung des Todes noch deutlicher als sonst vor Augen haben und feiern \u2013\nund damit die G\u00fcte Gottes, die eben gr\u00f6\u00dfer und m\u00e4chtiger ist als alles, was die\nWohnlichkeit unserer Welt zu bedrohen, gar zu zerst\u00f6ren vermag. Mit dem Verweis\nauf die Weisheit Gottes d\u00fcrfen wir uns nun als&nbsp; angeregt und angeleitet begreifen, diese G\u00fcte Gottes in\nunserer eigenen Welt wahrnehmen zu lernen. Dann wird f\u00fcr uns gelten, was die\nWeisheit uns verhei\u00dft: <em>Wer mich findet,\nder findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN.<\/em> Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt an Jubilate 2019 in der Friedenskirche Dachau zu Spr\u00fcche 8,22-36 Geliebte Schwestern und Br\u00fcder, \u201eDas Gras w\u00e4chst nicht schneller, wenn man daran zupft.\u201c So hat es k\u00fcrzlich einer zu mir gesagt, als wir uns \u00fcber die Fu\u00dfballmannschaft meines Sohnes unterhalten haben. 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