{"id":39,"date":"2013-03-03T21:27:56","date_gmt":"2013-03-03T21:27:56","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=39"},"modified":"2017-10-18T08:21:36","modified_gmt":"2017-10-18T07:21:36","slug":"die-freiheit-eines-christenmenschen-als-voraussetzung-gelingender-personal-und-selbstfuhrung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=39","title":{"rendered":"Die Freiheit eines Christenmenschen als Voraussetzung gelingender Personal- und Selbstf\u00fchrung"},"content":{"rendered":"<p>Wann hat Sie das letzte Mal jemand gefragt: \u201eWie geht es dir?\u201c Diese Frage, hoffe ich, werden Sie alle beantworten k\u00f6nnen. Denn ich hoffe sehr, dass es in Ihrem pers\u00f6nlichen Umfeld Menschen gibt, die Ihnen diese Frage hin und wieder stellen.<\/p>\n<p>Und wann hat das letzte Mal jemand in Ihrem Unternehmen, aus Ihrem Mitarbeiterstab, aus Ihrem Kundenumfeld diese Frage gestellt und eine Antwort von Ihnen erwartet, die von Herzen kommt? Eine Antwort jenseits von den dienstlichen Verpflichtungen, von der Bewertung branchen\u00fcblicher Aufs und Abs, vom Gerede im Betrieb? Eine Antwort, die Sie als Person meint, nicht als Funktion?<!--more--><\/p>\n<p>Ich stelle diese Fragen, um uns vor Augen zu f\u00fchren, in welchen Bez\u00fcgen wir uns mit der Freiheit eines Christenmenschen eigentlich befassen. Unternehmerisches Handeln ist interessegeleitet und muss es auch sein. Man tr\u00e4gt Verantwortung in einem kompetitiven Kontext. Man steht gerade f\u00fcr die Erfolge und die Misserfolge des eigenen Betriebs, der eigenen Abteilung, der eigenen Mannschaft. Das wird von einer F\u00fchrungskraft erwartet. Daf\u00fcr wird sie bezahlt.<\/p>\n<p>Zudem \u2013 auch das geh\u00f6rt dazu \u2013 will man sich entwickeln, Chancen nutzen, vorankommen, Karriere machen, Erfolge feiern. Dabei sollte man immer wieder gl\u00e4nzen, hervorstechen \u2013 und sich auch sch\u00fctzen vor den Interessen anderer. Man muss Konflikte austragen \u2013 mit dem Degen oder mit dem Florett. Und manchmal sieht man es nicht kommen, dass man an der Nase herumgef\u00fchrt, hineingelegt, vorgef\u00fchrt wird. All das beeinflusst die Beziehungen, die man im Betrieb hat \u2013 zu seinen Mitarbeitern und auch zu sich selbst in der Funktion, die man aus\u00fcbt, in der Rolle, die man spielt.<\/p>\n<p>Es ist eine Welt, in der es nicht in erster Linie um das Seelenheil des Menschen geht \u2013 und gerade deswegen ist es ein Kontext, in dem es gut w\u00e4re, sich die Frage Jesu immer wieder gefallen zu lassen:<\/p>\n<p>\u201e Was h\u00fclfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gew\u00f6nne und n\u00e4hme doch Schaden an seiner Seele?\u201c<\/p>\n<p>Die Sorge um die Seele der Menschen trieb auch Martin Luther damals um. Sie machte ihm mehr unfreiwillig als freiwillig zum Reformator seiner Kirche. Und sie lie\u00df ihn auch seine ber\u00fchmte Freiheitsschrift niederschreiben, die er selbst als \u201edie Summe des christlichen Lebens\u201c beschreibt und deren Grundthese Sie in der Einladung zum heutigen Personal Round Table nachlesen konnten:<\/p>\n<p>\u201eEin Christenmensch ist ein freier Herr \u00fcber alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.\u201c<\/p>\n<p>Es lohnt, sich diese Schrift einmal in ihrer G\u00e4nze durchzulesen, um den Gedankengang, den Luther hier entfaltet, nachzuvollziehen. Heute fr\u00fch will ich diesen Gedankengang pointieren und dann ein paar Impulse geben, was diese \u00dcberlegungen Luthers f\u00fcr die betriebliche Praxis eines Christenmenschen bedeuten k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal, sehr zugespitzt: Gute Werke tun, die Gebote Gottes halten \u2013 das alles ist eine gewaltige Falle, wenn man es aus dem falschen Motiv tut, n\u00e4mlich um sein Seelenheil zu erwerben, um als Frommer, als Tugendhafter vor Gott und der Welt zu gl\u00e4nzen. Gute Werke taugen nicht zur Selbstdarstellung. Das ist eine Absage an eine Tugendethik, wenn dabei der Tugendhafte im Mittelpunkt des Interesses stehen soll, und es stellt die breit gef\u00fchrte Wertedebatte in Frage als Ausgangspunkt eines christlichen Ethos.<\/p>\n<p>Warum aber ist dies so? Weil das Halten aller Gebote Gottes nichts wert ist, wenn dabei nicht Gott die Ehre gegeben wird, sondern das Eigene gesucht wird \u2013 und sei es das eigene Seelenheil. Luthers Ethik ist eine Ethik des 1.Gebotes, so wie er sie im Kleinen Katechismus bei seiner Auslegung des Dekalogs ausbuchstabiert. Die Auslegung jedes Gebotes wird dort mit folgendem Satz eingeleitet: \u201eWir sollen Gott f\u00fcrchten und lieben, dass&#8230;\u201c. (vgl. FeC, 11\/13)<\/p>\n<p>Am Anfang eines Christenlebens steht die Einsicht, dass wir nicht Herr unserer selbst sind und auch nicht werden, wie gut wir uns auch f\u00fchren. Es geht um die Einsicht, dass wir nicht aus uns selbst leben, sondern \u201evon einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.\u201c (Mt 4,4 resp. Dtn 8,3) Gott hat uns seinen Atem eingehaucht, Gott hat uns eine Stimme gegeben, die uns ausmacht, woran uns das hebr\u00e4ische Wort f\u00fcr \u201eSeele\u201c erinnert: \u201eN\u00e4ph\u00e4sch\u201c, das hei\u00dft \u00fcbersetzt \u201eKehle\u201c, und meint den Sitz der Identit\u00e4t. Unser Dasein und unser Sosein h\u00e4ngt allein an Gottes Gnade, an seinem Wunsch und Willen, dass wir sind.<\/p>\n<p>Glauben nun hei\u00dft, es sich gefallen zu lassen, dass es einfach so ist, dass Gott \u201emeine Nieren bereitet und mich gebildet im Mutterleibe&#8230; dass seine Augen mich sahen, als ich noch nicht bereitet war und alle Tage in sein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner war.\u201c (Ps 139,13.16)<\/p>\n<p>Worin aber liegt die Freiheit in diesem Szenario, das als deterministisch, als fremdbestimmt wahrgenommen werden kann. Sie liegt darin, wie sich Gottes Herrschaft in Christus offenbart. In ihm wird uns Gott als einer kenntlich, der uns alles schenkt, was wir meinen, uns hart erarbeiten zu m\u00fcssen. In ihm empfangen wir, was wir begehren, weil Gott schon immer wei\u00df, was wir brauchen. In ihm werden wir bewahrt vor allem, was wir f\u00fcrchten, weil Gottes Macht einfach immer gr\u00f6\u00dfer ist und sein Wille bleibt. Hierin liegt der Ursprung der Rede von den Christen als K\u00f6nigskinder und dem Priestertum aller Gl\u00e4ubigen. K\u00f6nigskinder, weil \u201ewir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.\u201c (R\u00f6m 8,28). Priester, \u201edenn Gott tut, was ein Christenmensch bittet und will, wie im Psalter geschrieben steht: \u201aGott tut den Willen derer, die ihm f\u00fcrchten, und erh\u00f6rt ihr Gebet.\u2019\u201c (Ps 145,19) \u2013 so Luther (FeC, 16).<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Ein Christenmensch ist frei von Selbstbeherrschung, weil er sein Selbst in Gottes Hand besser aufgehoben wei\u00df, er ist frei von Existenzangst, weil er wei\u00df, dass seine Tage von Gott gez\u00e4hlt sind, und er ist frei von Menschenfurcht, weil er wei\u00df, dass Menschen zwar \u201eden Leib, doch die Seele nicht t\u00f6ten k\u00f6nnen.\u201c (Mt 10,28)<\/p>\n<p>Wozu dann aber die Gebote, wozu dann die guten Werke? Darauf gibt Luther eine pragmatische und eine logische Antwort. Die pragmatische lautet: Weil Christenmenschen nun mal in der Welt und von Menschen umgeben sind und sich zu diesen verhalten m\u00fcssen. Wir k\u00f6nnen uns eben nicht nicht verhalten. Die logische lautet: Wenn ein Christenmensch der ist, der \u201eGott f\u00fcrchtet und liebt\u201c, dann wird ihm dies auch aus allen Ohren triefen. Wenn ein Christenmensch der ist, der sich in unersch\u00f6pflicher Weise als reich beschenkt begreift, dann wird er einfach teilen. Wenn ein Christenmensch der ist, der keine eigene Agenda mehr braucht, da alles, was f\u00fcr ihn getan werden muss, bereits getan ist, dann hat er nichts zu tun au\u00dfer dem, was ihm vor die F\u00fc\u00dfe f\u00e4llt. Wenn ein Christenmensch der ist, der aus Gottes Zuwendung lebt, dann wird in seinem Leben diese Zuwendung Gottes anderen transparent.<\/p>\n<p>Wie aber \u00fcbersetzt sich dies nun in die Fragen der Selbst- und Personalf\u00fchrung, die wir heute besprechen wollen. Ich m\u00f6chte mit drei kurzen Impulsen Gedankenanst\u00f6\u00dfe geben:<\/p>\n<p><b>1. Die Freiheit zum Dienst finden<\/b><\/p>\n<p>Wer \u00fcber Luthers Traktat im betrieblichen Kontext nachdenkt, kommt um einen Aspekt nicht herum: Die Frage, wie sich Freiheit und Macht zueinander verhalten. Gemeinhin wird ja angenommen, dass die Gestaltungsfreiheit in Hierarchien, wie sie Unternehmen zumeist sind, nach oben hin eher zunimmt. Wer jedoch mit Macht ausgestattete F\u00fchrungskr\u00e4fte schon nahe erlebt hat, der wei\u00df, dass die Gestaltungsfreiheit ihrer Position auf der anderen Seite paradoxerweise mit einer Vielzahl von Zw\u00e4ngen, Bindungen und Verpflichtungen, formalen wie informellen, verbunden sind. Ich bin sogar geneigt zu sagen, dass der Freiheitsgrad in h\u00f6heren Gefilden eher abnimmt, da der Verantwortungsbereich gr\u00f6\u00dfer und damit das Interessengeflecht umfangreicher und komplexer wird. Das Risiko besteht also, auf dem Weg nach oben die eigene innere Freiheit zu verlieren und die Gestaltungsfreiheit, die man besitzt, vor allem dazu zu gebrauchen, seine eigene Position im Dickicht der Interessen abzusichern. Hier ist der grunds\u00e4tzliche Impuls Luther als sehr wertvoll zu betrachten, dass am Ende die Freiheit, die bleibt, nicht die ist, die wir meinen, uns in der Gestaltung unseres Lebens zu erwerben, sondern die Freiheit, die darin liegt, sich als Kinder Gottes wissen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Es braucht jedoch immer wieder Momente, dies auch zu erfahren, es sich zusagen zu lassen. Macht hat viel damit zu tun, welchen Stimmen ich Geh\u00f6r schenke, von welchen Stimmen ich mich bestimmen lasse. Wenn F\u00fchrungskr\u00e4fte als Christenmenschen die Freiheit zum Dienst finden wollen, dann brauchen sie Momente, in denen sie der Stimme Gottes in ihrem Leben Geh\u00f6r schenken. Sie brauchen Momente, in denen sie sehr bewusst sich von der Unfreiheit der Welt auf den Weg machen zur Freiheit der Kinder Gottes.<\/p>\n<p><b>2. Nach der guten Nachricht suchen<\/b><\/p>\n<p>Es gibt Situationen im Leben einer F\u00fchrungskraft, die sie vor schwere Entscheidungen stellt. Konflikte im Team oder zwischen Interessengruppen, ethische Dilemmasituationen, das notwendige Stellen von Weichen in un\u00fcbersichtlichem Terrain, der Umgang mit eigenem Fehlverhalten \u2013 Situationen, in denen F\u00fchrungskr\u00e4fte nach der guten Nachricht h\u00e4nderingend suchen. Es mag einen Versuch wert sein, in solchen Momenten sich biblischer Geschichten oder Verse zu erinnern oder mit Vertrauten danach zu fragen, wo in der Geschichte Gottes mit seinen Menschen, die \u2013 so ists gut lutherisch \u2013 uns biblische \u00fcberliefert ist, Menschen in \u00e4hnlichen Situationen gesteckt haben.<\/p>\n<p>Sonntag f\u00fcr Sonntag predigen wir so, dass wir die biblische Botschaft in das Leben der Menschen hineinsprechen. Man kann jedoch genau andersherum verfahren und eine eigene Lebenssituation bewusst in das Licht einer biblischen Botschaft, einer biblischen Geschichte stellen und sich auf diese Weise anleiten lassen.<\/p>\n<p><b>3. Jemanden ins Gebet nehmen<\/b><\/p>\n<p>Was ich Ihnen zum Schluss erz\u00e4hle, ist eine Entdeckung der letzten Zeit f\u00fcr mich \u2013 und vielleicht auch f\u00fcr Sie eine Anregung. Wenn mich Menschen in meinem Leben gerade negativ ber\u00fchren, ist dies Anlass f\u00fcr mich, sie ins Gebet zu nehmen. Ich kann nur sagen, dass ich damit gute Erfahrungen mache. Wenn ich diese Menschen und mich im Gebet vor Gott trage, dann gibt mir das eine neue Freiheit im Umgang mit ihnen, die ich vorher aufgrund meines \u00c4rgers, meiner Verletztheit, meiner Entt\u00e4uschung nicht hatte. Das spart viel Kraft. Ich gr\u00fcble nicht mehr so viel hin und her. Ich ignoriere aber ebenso wenig, was geschehen ist. Und ich erlebe, wie wenig sie mir antun k\u00f6nnen&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wann hat Sie das letzte Mal jemand gefragt: \u201eWie geht es dir?\u201c Diese Frage, hoffe ich, werden Sie alle beantworten k\u00f6nnen. Denn ich hoffe sehr, dass es in Ihrem pers\u00f6nlichen Umfeld Menschen gibt, die Ihnen diese Frage hin und wieder stellen. 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