{"id":388,"date":"2019-05-15T21:40:00","date_gmt":"2019-05-15T20:40:00","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=388"},"modified":"2019-05-13T22:03:34","modified_gmt":"2019-05-13T21:03:34","slug":"der-mensch-vor-gott","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=388","title":{"rendered":"Der Mensch vor Gott"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Andacht auf der Tagung &#8222;Management der Moral&#8220; an der Evangelischen Tutzing am 7.5.19 zu Lukas 18,9-14<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geliebte Gemeinde,<\/p>\n\n\n\n<p>die Emp\u00f6rung, die dieses Gleichnis bei seinen urspr\u00fcnglichen H\u00f6rern wahrscheinlich hervorgerufen hat, l\u00e4sst sich vielleicht heute nur nachvollziehen, wenn man die beiden Gestalten des Gleichnisses in heutige Verh\u00e4ltnisse \u00fcbertr\u00e4gt<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man\nalso den Pharis\u00e4er gleichsetzen w\u00fcrde mit einer Person, die mit dem Rad zur\nArbeit f\u00e4hrt, sich vegan ern\u00e4hrt, in den Urlaub mit der Bahn f\u00e4hrt, kurzum:\nalles tut, um seinen \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck zu minimieren, um seinen\nnotwendigen Beitrag zu leisten, die Erde vor dem Klimakollaps zu bewahren. Dazu\nauch sein Geld und seine Zeit einsetzt, um anderen zu helfen, z.B. einer\nFl\u00fcchtlingsfamilie aus Syrien oder einem SOS-Patenkind aus Mozambique.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn man\ndaneben im Z\u00f6llner einen Manager sehen w\u00fcrde, dem es nur um Profitmaximierung\ngeht, der daher als Manager so handelt, dass er gesetzliche Spielr\u00e4ume\nausreizt, Gesetzesl\u00fccken n\u00fctzt, sich im rechtlichen Graubereich, vielleicht\nsogar dar\u00fcber hinaus bewegt, dabei den m\u00f6glichen finanziellen Kollateralschaden\neinkalkulierend, der vielleicht sogar durch Lobbyarbeit Einfluss nimmt auf die\nGestaltung von Gesetzen, so dass sie seinen Interessen n\u00fctzen \u2013 und dem dabei\ndas \u00f6ffentliche Wohl am gepuderten Hintern vorbeigeht.<\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<p>\u00dcber so\neinen also spricht Jesus: <em>\u201eIch sage euch:\nDieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.\u201c<\/em> Verkehrte\nWelt? Oder hat da einer Jesus einfach falsch zitiert? Kann man f\u00fcr so einen\nnicht eher schlicht nur Verachtung \u00fcbrig haben, so wie eben die durch Jesus\nangesprochenen Frommen nur Verachtung \u00fcbrig hatten f\u00fcr die anderen, die\nZ\u00f6llner, R\u00e4uber, Ungerechten und Ehebrecher?<\/p>\n\n\n\n<p>Ironischerweise\ngeht es heutzutage auch andersherum. Klimasch\u00fctzende Fl\u00fcchtlingshelfer haben auch\nnicht \u00fcberall den besten Stand. Das Wort von den \u201eGutmenschen\u201c etwa dr\u00fcckt auch\neine geh\u00f6rige Portion Verachtung aus f\u00fcr all jene, die scheinbar permanent mit\ndem erhobenen Zeigefinger durch die Gegend laufen und einem durch ihr\ndemonstrativ richtiges Verhalten den Alltag versauen wollen. Aber mit mir\nnicht! Da bin ich lieber \u2013 ja was?<\/p>\n\n\n\n<p>So markieren\nder Pharis\u00e4er und der Z\u00f6llner in ihrem Gegen\u00fcber eine gesellschaftliche\nSpaltung, die sich durch gegenseitige Verachtung speist. Am Ende befinden sie\nsich in Echor\u00e4umen mit Gleichgesinnten, in denen sie sich nur selbst best\u00e4tigen.\nDabei sehen sie keine Notwendigkeit, sich aus diesen R\u00e4umen herauszubewegen,\ndenn \u201edie anderen sind einfach doof, mit denen kann man nicht, das wissen wir\ndoch\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Umso\ninteressanter also, dass Jesus die beiden im Tempel zusammenf\u00fchrt, das hei\u00dft,\nvor Gott im Gebet. <\/p>\n\n\n\n<p>Was ist da\nm\u00f6glich? Was kann da passieren? Zun\u00e4chst einmal das zu Erwartende. Der\nPharis\u00e4er grenzt sich in seinem Gebet ab. <em>\u201eIch danke dir, Gott, dass ich nicht\nbin wie die andern Leute, R\u00e4uber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser\nZ\u00f6llner.\u201c<\/em> Sympathisch\nmacht ihn das auf den ersten Blick nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf den\nzweiten Blick jedoch k\u00f6nnten wir wahrnehmen, dass dieser Pharis\u00e4er sich m\u00fcht,\neinfach das Richtige zu tun. Ist das denn so falsch? <\/p>\n\n\n\n<p>Geht er\nnicht die Extrameile, die andere nicht gehen, wenn er freiwillig fastet f\u00fcr\nandere, die das nicht taten, damit diese, nicht er, auf jeden Fall mit Gott\nvers\u00f6hnt leben k\u00f6nnten? <\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn er\nden Zehnten selbst auf das gibt, was andere in der Produktionskette schon\nverzehnten sollten, aber vielleicht nicht taten, um sicher zu gehen, dass der\nZehnte als Dank an Gott f\u00fcr alle guten Gaben auf jeden Fall gegeben ist? <\/p>\n\n\n\n<p>Und dankte\ner Gott nicht daf\u00fcr, dass er bef\u00e4higt ist, die Gebote zu halten, und er damit\neben ein Leben zu leben imstande ist, dass nicht anderen schadet wie das eine\nR\u00e4ubers, Betr\u00fcgers oder Ehebrechers, sondern anderen dient? <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht\nSelbst\u00fcberhebung zeigt sich da auf den zweiten Blick beim Pharis\u00e4er, sondern\nechtes Bem\u00fchen um und Dankbarkeit f\u00fcr ein gutes Leben im Dienst der\nGemeinschaft. Das sollten wir nicht einfach wegwischen mit einem\n\u201eGutmenschen-urteil\u201c, sondern einfach mal auf uns wirken lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den\nZ\u00f6llner jedenfalls wirkte dies. \u201e<em>Gott, sei mir S\u00fcnder gn\u00e4dig!\u201c<\/em>, bricht es aus ihm heraus. Wohlgemerkt, es\nsind nicht seine eigenen Worte, die er da spricht, sondern fremde Worte, die er\nsich aneignet, Worte, die wir selbst soeben erst gesprochen haben. Der Z\u00f6llner\nzitiert den 51.Psalm und damit die dahinterstehende Geschichte dieses Psalms. <\/p>\n\n\n\n<p>Viele von uns kennen sie. Es ist die Geschichte des K\u00f6nigs David, als er\nselbst zum R\u00e4uber, Betr\u00fcger und Ehebrecher wird, also all das, wof\u00fcr der\nPharis\u00e4er so inbr\u00fcnstig dankt, nicht zu sein. K\u00f6nig David, der beim Anblick der\nsch\u00f6nen Bathseba zum Ehebrecher wird, der diese Bathseba verf\u00fchrt und\nschw\u00e4ngert, der dann, um diesen Ehebruch zu kaschieren, ihren Mann Uria\nzun\u00e4chst zum Geschlechtsverkehr mit seiner eigenen Frau manipulieren will und,\nals dies misslingt, ihn in vorderste Front schickt gegen die Philister,\nwohlwissend, dass er dort f\u00e4llt. <\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nig David, der R\u00e4uber, Betr\u00fcger und Ehebrecher. Als ihm der Prophet\nNathan zur schmerzhaften Selbsterkenntnis verhilft, bricht es aus ihm hervor: <em>\u201cGott, sei mir S\u00fcnder gn\u00e4dig!\u201c<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Eine Selbsterkenntnis, die sich der Z\u00f6llner nun auch aneignet \u2013\noffensichtlich im Angesicht des frommen Pharis\u00e4ers, der nach Recht und Gesetz\ndem\u00fctig, das hei\u00dft: im Dienst der Gemeinschaft handelt. Vor solch einem\nMenschen wird dem Z\u00f6llner deutlich, wie fehl er selbst geht \u2013 so sehr, dass ihm\nsogar eigene Worte fehlen und er dies nur mit den Worten eines anderen\nauszudr\u00fccken imstande ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich\nist solch eine Reaktion nicht. Ein so hervorragendes moralisches Vorbild kann\neinen erdr\u00fccken, so sehr, dass man ihm aus Trotz gerade nicht nacheifert,\nsondern bei ihm das Haar in der Suppe sucht, ein verwerfliches Motiv, das\nhinter seinem ach so guten Handeln verborgen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Und dann,\ndann kann man es ihm eben mit eigener Verachtung heimzahlen, die der nur verdient,\nder einem sein Fehlgehen vor Augen f\u00fchrt. Auge um Auge, Zahn um Zahn,\nVerachtung um Verachtung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem\nPharis\u00e4er ist dies in unserer evangelischen Tradition nur zu oft widerfahren.\nSeine guten Taten verschwanden hinter dem Urteil, der Pharis\u00e4er tue dies doch\nnur zur Selbst\u00fcberhebung gegen\u00fcber anderen und aus Motiven der\nWerkgerechtigkeit, um vor Gott nur selbst gut da zu stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eugen Roth\nhat zu dieser pr\u00e4genden Auslegung folgendes bedenkenswerte Gedicht geschrieben:<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mensch betrachtete einst n\u00e4her \/ die Fabel von dem Pharis\u00e4er, <\/p>\n\n\n\n<p>der Gott gedankt voll Heuchelei \/ daf\u00fcr, da\u00df er kein Z\u00f6llner sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Gottlob, sprach er in eitlem Sinn, \/ da\u00df ich kein Pharis\u00e4er bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sehr\ndiese Spur der Auslegung danebengeht, bringt der Dichter sch\u00f6n auf den Punkt.\nWie aber dann? Wie kann Jesus vom Z\u00f6llner sagen, <em>\u201edieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus.\u201c<\/em>? Was hat er denn\ndaf\u00fcr getan?<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts \u2013 und\ndas ist das Bemerkenswerte. Was k\u00f6nnen wir denn schon tun, dass wir unsere\nExistenz auf Erden rechtfertigen k\u00f6nnten, dass uns das Recht zusteht, Mensch zu\nsein? <em>\u201eGott, sei mir S\u00fcnder gn\u00e4dig!\u201c<\/em>\nDieser Gebetsruf aus dem Psalm Davids dr\u00fcckt im Kern aus, was uns allen, ob\nZ\u00f6llner oder Pharis\u00e4er, ob Manager oder Gutmensch, zu eigen ist: das Recht auf\nLeben ist uns allen miteinander geschenkt, es ist Gnade, nichts als Gnade. Und\ndas vor allem unserem Tun, vor unserem rechten Handeln und vor\nunserem unrechtem Scheitern. Mit diesem Ruf nach Gnade erkennt der Z\u00f6llner dies\n\u2013 und wird erh\u00f6rt. <\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eGott, sei mir S\u00fcnder gn\u00e4dig!\u201c<\/em> Diesen Ruf kennt, wer evangelische\nGottesdienste besucht, wer im Confiteor, im Vorbereitungsgebet zum Eingang des\nGottesdienstes dieses Wort h\u00f6rt und darauf antwortet: \u201eDer allm\u00e4chtige Gott\nerbarme sich unser. Er vergebe uns unser S\u00fcnde und f\u00fchre uns zum ewigen Leben.\u201c\nUnd der dann h\u00f6rt: \u201eDer barmherzige Gott hat sich unser erbarmt. Jesus Christus\nist f\u00fcr uns gestorben. Durch ihn vergibt uns Gott und macht uns zu seinen\nKindern. Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden. Das gebe Gott uns\nallen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch\nvor Gott, einer, der aus sich heraus nicht zu leben imstande ist, der sein\nRecht auf Leben tagt\u00e4glich als Gnade empf\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das nun\ngilt f\u00fcr beide, den rechtschaffenen Pharis\u00e4er, dem Jesus mitgibt, nicht\nirgendwann doch zu glauben, dass er sich eigentlich sein Leben schon selbst\nverdient hat, weil er ja, anders als andere, etwas Gutes daraus gemacht hat,\nwirklich etwas geleistet hat \u2013 und auch dem Z\u00f6llner, der, so hofft man es ja,\nals Gerechtfertigter eben nicht mehr in alte Muster verf\u00e4llt, indem er andere\n\u00fcbervorteilt und Gesetze nur gelten l\u00e4sst, wenn sie ihm zunutze sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn beide\nso Jesu Worte zu h\u00f6ren imstande sind, dann kann man nun eines hoffen: dass sie sich\nin gegenseitiger Achtung dar\u00fcber verst\u00e4ndigen, wie sie miteinander und mit all\nden anderen, die dort sitzen, das ihnen gegebene Leben gedenken zu feiern und\nzu ehren \u2013 damit den Gott, der ihnen dieses Leben miteinander tagt\u00e4glich in\nseiner gro\u00dfen Gnade einfach schenkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andacht auf der Tagung &#8222;Management der Moral&#8220; an der Evangelischen Tutzing am 7.5.19 zu Lukas 18,9-14 Geliebte Gemeinde, die Emp\u00f6rung, die dieses Gleichnis bei seinen urspr\u00fcnglichen H\u00f6rern wahrscheinlich hervorgerufen hat, l\u00e4sst sich vielleicht heute nur nachvollziehen, wenn man die beiden Gestalten des Gleichnisses in heutige Verh\u00e4ltnisse \u00fcbertr\u00e4gt Wenn man also den Pharis\u00e4er gleichsetzen w\u00fcrde mit &hellip; <a href=\"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=388\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Der Mensch vor Gott<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/388"}],"collection":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=388"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/388\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":398,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/388\/revisions\/398"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=388"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=388"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=388"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}