{"id":383,"date":"2019-01-14T20:57:16","date_gmt":"2019-01-14T19:57:16","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=383"},"modified":"2019-05-13T21:58:36","modified_gmt":"2019-05-13T20:58:36","slug":"wie-es-gott-gefaellt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=383","title":{"rendered":"Wie es Gott gef\u00e4llt"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Predigt zum 1.So nach Epiphanias beim Studientag des Prackenfelser\nKreises in N\u00fcrnberg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Perikopentext: Josua 3,5-11.17<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geliebte Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n\n\n\n<p>wir haben uns ja heute dar\u00fcber\nGedanken gemacht, wie wir recht von Israel zu sprechen f\u00e4hig werden in den\nunterschiedlichen Assoziationen und Ambivalenzen, die dieses Wort \u201eIsrael\u201c mit\nsich tr\u00e4gt. Was unsere Ohren h\u00f6ren, hat mit dem zu tun, was sie bisher zu h\u00f6ren\nbekamen, was unsere Augen zu sehen, unsere Zungen zu schmecken hatten, unsere\nHaut und H\u00e4nde zu f\u00fchlen hatten. Es hat mit Begegnungen und Ber\u00fchrungen zu tun,\nmit der je eigenen Lebens- und Erfahrungsgeschichte \u2013 und damit auch mit Gott,\nder jedem und jeder von uns seine und ihre Tage auf Erden so schenkt, wie Gott\nsie nun mal schenkt. Schon das jedoch ist eine Glaubensaussage \u2013 h\u00f6chst\nambivalent und unterschiedlichste Assoziationen ausl\u00f6send. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir entkommen nicht dem Deuten \u2013\nund das hei\u00dft, wir entkommen nicht unserer schlichten Leiblichkeit, die uns als\nDeutungsapparat mitgegeben und stetig geformt wird \u2013 auch beim H\u00f6ren dieser\nGeschichte, oder besser gesagt: dieses Ausschnitts aus einer Geschichte, die\nweiter vorne beginnt und weiter hinten endet. <\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<p>Wir wissen ja, wie schwer sich\ndie Exegeten bis heute tun, die Geschichten der Geschichtsb\u00fccher des Alten\nTestaments zu sortieren. Jede Ordnung, ob Penta-, Hexa- oder Enneateuch, ist\nh\u00f6chst deutungsgeschw\u00e4ngert. Daher passt es so gut, dass Josua in der hebr\u00e4ischen\nBibel zu den vorderen Propheten gez\u00e4hlt wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Da wird deutlich: hier wird\nGeschichte schreiben als das verstanden, was es nun mal ist: gedeutete,\nprophetisch interpretierte Geschichten, die in die Gegenwart des Volkes\nsprechen, dass und wie es eine Zukunft hat. Und damit wird doch eigentlich die\neben skizzierte Deutungslogik schon wieder auf den Kopf gestellt. Ja, wir\ndeuten, aber im Deuten d\u00fcrfen wir vertrauen, angeleitet zu sein durch diese Geschichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn dem nun so ist, was spricht\nhier in meine \u2013 und dann hoffentlich auch in eure \u2013 Gegenwart und Zukunft aus\ndieser Geschichte, die auf einmal neu in unserem Predigtkalender auftaucht?<\/p>\n\n\n\n<p>An vielen Stellen k\u00f6nnte man hier\nja h\u00e4ngenbleiben. Ich selbst bin im Lesen und Nachsinnen an der Bundeslade\nh\u00e4ngengeblieben. Sie steht im Mittelpunkt dieses inszenierten Durchzugs durch\nden Jordan, der nun als alles M\u00f6gliche gedeutet werden k\u00f6nnte. Die Bundeslade\njedoch gibt die gew\u00fcnschte Deutung schon ziemlich deutlich vor. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Einmarsch in ein fremdes Land\nwird hier als rechtens, weil verhei\u00dfen inszeniert, auch weil er als\nReinszenierung eines anderen Durchmarschs dargestellt ist, den durchs Schilfmeer,\nein Durchmarsch, der f\u00fcr das Volk ein gesegneter Ausmarsch war \u2013 f\u00fcr die Feinde\nIsraels hingegen Verderben brachte. <\/p>\n\n\n\n<p>Und die Lade selbst erinnert an\nden Marsch dazwischen, insbesondere an den H\u00f6hepunkt dieses Marsches am Sinai.\nDort fand ja die Ordnung des Bundes zwischen Gott und seinem Volk statt. In\nderen Mittelpunkt stand, man erinnere sich, die zweimalige, weil beim ersten\nMal durch das Goldene Kalb missgl\u00fcckte, \u00dcbergabe der Zehn Gebote. Und die\nTafeln der Gebote, die wurden dann in der Bundeslade aufgewahrt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Bundeslade wird damit zum\nOrt, an dem sich der Gott Israels selbst verorten l\u00e4sst. Ein portabler\nGottesberg, wenn man so will, der dann nach einigem Wirrwarr, nach\nPhilisterklau und Pockenseuche (auch hier wieder: Verderben f\u00fcr die Feinde\nIsraels), an einem neuen Berg in Jerusalem seine neue Heimat findet. Von David\ngeholt und in irrem Freudentanz in die neue Hauptstadt Israels eingef\u00fchrt\n(macht- und religionspolitisch wohl ein Meisterst\u00fcck), durch Samuel mit dem\nTempelbau eine Heimstatt erhaltend im Allerheiligsten. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das Volk Israel \u00fcber Jahrhunderte\nDER Ort, an dem Gott wirkt, Zuflucht gerade der Armen und Waisen, der\nVerfolgten und sonst wie in Not Befindlichen. Die Psalmen, gerade die als\nPsalmen Davids titulierten, zeugen von der Strahlkraft dieses Ortes. An ihm\nerwartete man sich Genesung von schwerer Krankheit, gerechte Rache an\nGewaltt\u00e4tern und Schutz vor Verfolgung, unfruchtbare Frauen flehten um Kinder\nund der K\u00f6nig nat\u00fcrlich um Segen und Sieg im Kampf gegen die Feinde Israels. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz wesentlich auch: die\nBundeslade im Tempel als Ort der Gegenwart Gottes bot auch Gew\u00e4hr daf\u00fcr, dass\nsich die K\u00f6nige Israels nicht ungestraft wie die M\u00e4chtigen dieser Welt benehmen\nkonnten, sondern sich an den Bundesvorgaben Gottes zu orientieren hatten. So\nkonnten die Propheten mit Gottesrecht die K\u00f6nige anprangern und verfluchen, die\nsich nicht als Diener des Volkes erwiesen und dabei vor allem der Sache der\nArmen und Schwachen annahmen, sondern ihre Macht zu ihrem und ihrer G\u00fcnstlinge\nVorteil missbrauchten.<\/p>\n\n\n\n<p>All das ist pr\u00e4sent hier in\ndieser Geschichte am Jordan. <\/p>\n\n\n\n<p>Und so wie das Wunder am Jordan\nder Erinnerung oder Vergewisserung des Volkes dient, <em>\u201edass ein lebendiger Gott unter euch ist\u201c<\/em>, der die titulierten\nFeinde Israels <em>\u201evor euch vertreiben wird\u201c<\/em>,\nso soll es diese Erinnerung wach halten und diese Vergewisserung schaffen bei\nall jenen im Volk, die es h\u00f6ren und lesen, bis auf den heutigen Tage. Und es\nsoll wohl auch Furcht und Schrecken bei den Feinden Israels ausl\u00f6sen, so wie\nsich die Amoriter und Kanaaniter im Nachgang zu f\u00fcrchten begannen, als sie vom\nJordanwunder erfuhren. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch dies wirft bereits Fragen,\nwie es sich hier nun zu erinnern und wof\u00fcr es sich zu vergewissern gelte. Nur\num es zu fragen und es dabei hier auch zu belassen: Was ist davon zu halten,\nsolch eine Geschichte als Rechtfertigung f\u00fcr die Siedlungspolitik Israels im Ostjordanland\nzu verwenden? Ist damit sein rechter Sinn getroffen? Zeugt es nicht vielmehr\ndavon, dass Schilfmeer- und Jordanwunder doch zwei Paar Stiefel sind, weil sie\nunterschiedliche Deutungshorizonte er\u00f6ffnen? So w\u00fcrde einem zum Jordanwunder\nkein Gospelsong einfallen. Und ganz nebenbei bemerkt: War das alles so im Blick\nbei der Wahl dieser Geschichte als Predigtperikope?<\/p>\n\n\n\n<p>Statt diese Fragen nun zu\ner\u00f6rtern, m\u00f6chte ich mit euch auf etwas anderes heraus. Ich sagte ja schon, die\nBundeslade hat\u2019s mir angetan \u2013 und zwar als Verortung Gottes. <\/p>\n\n\n\n<p>Gott macht sich fest an diesem\nOrt, Gott selbst wohlgemerkt. Und diese Verortung bietet nat\u00fcrlich Chance und\nRisiko. <\/p>\n\n\n\n<p>Chance, denn wenn Gott \u00fcberall\nw\u00e4re, w\u00e4re er ja nirgends. Ein \u00dcberall-Gott ist konturlos, ungreifbar,\nabstrakt. Erschwert, wenn nicht unm\u00f6glich ein Kontakt zu diesem vielleicht\ntats\u00e4chlich nur in menschlicher Sprache als \u201eEs\u201c zu Bezeichnenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gott des Bundes Israels\nhingegen ist ein Gegen\u00fcber, ein Du. Die Chance der Verortung Gottes ist die\nChance, verbunden zu sein und dabei verbindlich zu werden und Verbindlichkeit\nzu empfangen, eben einen Bund einzugehen. Eine Chance, die Israel geboten wurde\nals Gegen\u00fcber dieses Du, eine Chance, die uns, hineingenommen in diesen Bund\ndurch den Christus und sein Werk, auch in der Nachfolge des Christus m\u00f6glich\nwird. <\/p>\n\n\n\n<p>Und doch birgt diese Verortung\nauch ein Risiko, sogar ein geh\u00f6riges. Wer sich festmacht, kann vereinnahmt\nwerden. Die ganze G\u00f6tzenopferkritik der Alten Testamentes basiert auf der\nKenntnis dieses Risiko. Menschen haben schon immer dazu geneigt, sich ihre\nG\u00f6tter willf\u00e4hrig zu machen, sie als Abstraktionen ihrer W\u00fcnsche und\nAllmachtsphantasien auszugestalten. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Gott Israels, verortet\nin der Lade im Allerheiligsten im Tempel am Zion im verhei\u00dfenen Lande, ist dieser\nunseligen Vereinnahmung ausgesetzt, ein ums andere Mal. Was wurde nicht schon\nalles in Gottes Namen gesagt und vor allem getan? <\/p>\n\n\n\n<p>Indem sich Gott verortet, ist er\nim mehrdeutigen Sinne zu fassen, indem Gott sich festnagelt, l\u00e4sst Gott es zu,\ngekreuzigt zu werden, indem Gott leibhaftig wird, l\u00e4sst Gott es zu, eingesperrt\nzu werden \u2013 in priesterliche Leiber mit unverwandelbarem Charakter, in verriegelte\nHostienkammern, in zwei Buchdeckel, zwischen denen es fromm, aber eng, weil\neben gesetzlich zugeht, in eine Kirche, die ihren Namen allzu missversteht, weil\nsie ihr Herausgerufen sein aus der Welt als Sich L\u00f6sen von derselbigen deutet.\nIn diesem Selbst-Missverst\u00e4ndnis \u2013 das hier nur am Rande \u2013 kann man dann\nnat\u00fcrlich die Welt scheinbar von au\u00dfen auch profiliert und konzentriert in\nR\u00e4ume kartografieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hier passiert, ist nat\u00fcrlich\nkeine Anfechtung Gottes. Es ist eine menschliche Trag\u00f6die. Denn wer meint, Gott\nso fassen zu m\u00fcssen, dass er Gott zum G\u00f6tzen erstarrt, dessen Leben ger\u00e4t\ngleich mit in diese G\u00f6tzenstarre. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie aber dann? Ich sprach vorhin\nvon der Lade als portablem Gottesberg \u2013 und das ist es auch, was mir an der\nGeschichte des Durchmarschs durch den Jordan gef\u00e4llt. Denn die schlichte Botschaft,\ndie nicht nur hier entdeckt werden kann, ist doch: dieser Gott, von dem hier\ndie Rede ist, geht mit, nat\u00fcrlich ubi et quando visum est Deo, also: wie es\nGott gef\u00e4llt. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gefiel Gott, den Josua zum\nNachfolger Mose zu bestimmen, es gefiel Gott, dem Volk das Land zu geben, es\ngefiel Gott, das Volk durch den Jordan zu leiten, so die Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gefiel Gott. Und es ist an\nuns, an diesem Gefallen Gottes selbst Gefallen zu finden, statt diesen Gott\nnach unserem eigenen Gefallen zu verg\u00f6tzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im vergangenen Herbst haben wir\nim kda eine Tagung zum Thema \u201eTransfer und Tradition \u2013 Erfahrung und Erneuerung\nim Betrieb?\u201c gemacht. Es ging uns darum, verstehen zu lernen, was es braucht,\ndamit Betriebs\u00fcbergaben gelingen und Wissenstransfer von Alten zu Jungen in Unternehmen\nklappt. Das wesentliche Ergebnis dieser Tagung war f\u00fcr mich folgende\nErkenntnis: nur da, wo die Alten wirklich loslassen, k\u00f6nnen die Jungen\nloslegen. Und damit dies gelingt, braucht es den Segen der Alten, nicht nur f\u00fcr\ndie Jungen. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Segen lassen die Alten los, im\nSegen sagen sie: \u201eGott mit dir, weil ich nicht mehr mit kann und will.\u201c Im\nSegen lassen sie es sich gefallen, dass es an Gott ist, wie ihr Lebenswerk\nfortgef\u00fchrt wird. Und die Jungen m\u00f6gen sich gefallen lassen, dass sie es nicht allein\nins Werk zu &nbsp;setzen haben, sondern\ndass da eben Segen drauf liegen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hier an einer wesentlichen\nSchnittstelle eines Berufslebens so deutlich zu Tage tritt, ist am besten\nt\u00e4glich ge\u00fcbt und erinnert, um daran zu wachsen, sich Gottes Gefallen gefallen\nzu lassen. An Luthers Morgen- und Abendsegen habe ich das \u00fcber die Jahre\ngelernt.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist es auch an uns als\nPrackenfelser Kreis, sich gefallen zu lassen, was Gott mit uns vorhat und wie\nes Gott mit uns vorhat. In diesem Sinne m\u00f6gt ihr mich h\u00f6ren, wenn ich zu euch sage:\n\u201eBis n\u00e4chstes Jahr in N\u00fcrnberg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zum 1.So nach Epiphanias beim Studientag des Prackenfelser Kreises in N\u00fcrnberg Perikopentext: Josua 3,5-11.17 Geliebte Schwestern und Br\u00fcder, wir haben uns ja heute dar\u00fcber Gedanken gemacht, wie wir recht von Israel zu sprechen f\u00e4hig werden in den unterschiedlichen Assoziationen und Ambivalenzen, die dieses Wort \u201eIsrael\u201c mit sich tr\u00e4gt. 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