{"id":376,"date":"2018-12-15T16:10:42","date_gmt":"2018-12-15T15:10:42","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=376"},"modified":"2018-12-15T16:10:42","modified_gmt":"2018-12-15T15:10:42","slug":"der-heilvolle-horizont","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=376","title":{"rendered":"Der heilvolle Horizont"},"content":{"rendered":"<p>Geliebte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der vbw,<\/p>\n<p>vielleicht hat sich ja der eine oder die andere von Ihnen gefragt, wie diese Worte aus dem Jesajabuch recht zu verstehen w\u00e4ren. Starke Bilder sind es, die der Prophet verwendet, um seine Botschaft zu vermitteln.<\/p>\n<p>Wir schreiben das 6.Jahrhundert vor Christus, als diese Worte zu denen gesprochen wurden, die verzagten Herzens waren \u2013 verzagt angesichts einer seit Jahrzehnten andauernden Besatzung. Sehr lange hatte sich das j\u00fcdische Volk in und um Jerusalem zwischen den wechselnden Regimen \u00c4gyptens und des Vorderen Orients durch geschickte B\u00fcndnispolitik einrichten k\u00f6nnen. Nun war es zwischen die M\u00fchlen der Gro\u00dfm\u00e4chte geraten. Babylon hatte bei seinem Marsch auf \u00c4gypten Juda einfach \u00fcberrannt und unterworfen.<\/p>\n<p>Niedergemetzelt wurde dabei, was sich in den Weg stellte oder einfach im Weg war, egal, ob es Soldaten oder Zivilisten, M\u00e4nner, Frauen oder Kinder, alt oder jung war. Und viele von denen, die \u00fcberlebt hatten, waren in die Fremde verschleppt worden, Familien dauerhaft auseinandergerissen \u2013 ohne das Wissen umeinander. Ein traumatisiertes Volk blieb zur\u00fcck, \u00fcber Jahrzehnte unterjocht, ausgebeutet und der Willk\u00fcr der Herrscher ausgesetzt.<!--more--><\/p>\n<p>Wem kommen hier nicht Assoziationen zu dem, was auch uns hier in Deutschland in den vergangenen Jahren ber\u00fchrt hat &#8211; ber\u00fchrt durch die Menschen, die zu uns kamen als \u00dcberlebende eines vergleichbaren Gemetzels, traumatisiert, der Heimat entrissen, ungewiss, was mit nahen Angeh\u00f6rigen geschah oder allzu gewiss, dass so mancher nicht mehr am Leben war?<\/p>\n<p>Diese Menschen haben nicht nur Debatten ausgel\u00f6st in unserem Land. Sie haben nicht nur Hilfsbereitschaft und Engagement auf der einen und Zorn und Ablehnung auf der anderen Seite geweckt.<\/p>\n<p>Sie haben uns auch an die Erfahrung von Krieg, Gemetzel und Flucht in unseren eigenen Reihen, in unseren eigenen Familien erinnert. Keine 80 Jahre ist es her, dass der II.Weltkrieg begann, in dem Europa brannte und Millionen und Abermillionen von Menschen ihr Leben lie\u00dfen, Angeh\u00f6rige verloren und ihre Heimat fliehen mussten \u2013 nicht zuletzt nach Bayern, wo sie vielfach in Barackend\u00f6rfern und Kuhst\u00e4llen unterkamen.<\/p>\n<p>Wer mit den Alten, mit den Eltern und Gro\u00dfeltern ins Gespr\u00e4ch kommt, die dies erlebt haben, wei\u00df, wie gegenw\u00e4rtig diese Erlebnisse sind. Er beginnt zu begreifen, wie diese Erlebnisse die eigene Familie, das eigene Leben, das eigene Land und so manche Debatte, wie wir sie f\u00fchren, bis heute pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Viel n\u00e4her also, als wir vielleicht auf den ersten Blick ahnen, kommen uns diese Worte des Propheten, die doch vor so vielen Jahrhunderten ausgesprochen wurden. Sie kommen uns nahe, weil wir uns einfinden k\u00f6nnen in die Not der Angesprochenen, die verzagten Herzens sind und wankende Knie haben, weil wir Menschen vor Augen haben, die so sind oder in ihren Erz\u00e4hlungen so waren.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns auch einfinden, weil wir zumindest aus diesen Erz\u00e4hlungen wissen, was Krieg bedeutet \u2013 Krieg, die Extremform einer Haltung, die nur das Recht des St\u00e4rkeren kennt. Krieg f\u00fchrt uns auf brutalste Weise vor Augen, wohin dieses Recht des St\u00e4rkeren f\u00fchrt, wenn es Letztg\u00fcltigkeit beansprucht, wenn es nicht durch ein anderes, menschlicheres Recht begrenzt wird: ja, dann f\u00fchrt es zu Zerst\u00f6rung, zu Tod, zu Chaos \u2013 \u00fcbrig bleibt eine W\u00fcste, in der menschliches Leben nur als m\u00fchseliges \u00dcberleben vorstellbar ist, in der das survival of the fittest gilt, in der L\u00f6wen, Schakale und andere gerissenen Viecher auf ihre Beute lauern.<\/p>\n<p>Wir sollten uns daran erinnern in einer Zeit, in der das Recht des St\u00e4rkeren wieder Aufwind hat, in der Muskelspiele und Zorngeschrei als Erfolgsstrategie als alter Wein in alten Schl\u00e4uchen verkauft wird, in der M\u00f6rder mit Handschl\u00e4gen begr\u00fc\u00dft und L\u00fcgen ohne Schamgef\u00fchl verbreitet werden, weil man es eben einfach kann. Wie zersetzend und spaltend dies wirkt, ist vielfach sp\u00fcrbar und erlebbar.<\/p>\n<p>Wo aber Recht untergraben und Anstand l\u00e4cherlich gemacht wird, wo R\u00fccksichtnahme und Kompromissbereitschaft als Schw\u00e4che ausgelegt werden, wo Misstrauen ges\u00e4t und Feindschaften gesch\u00fcrt werden, da sind kriegerische Auseinandersetzungen nicht mehr fern.<\/p>\n<p>So m\u00f6gen uns diese Worte des Propheten als Mahnung gelten, aber auch als Hoffnung. <em>\u201eSeid getrost, f\u00fcrchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.\u201c<\/em>, so spricht er zu den verzagten Herzen. Und er\u00f6ffnet neu einen Horizont, der in der W\u00fcste des \u00dcberlebens verdeckt wurde.<\/p>\n<p>Es ist ein Horizont, in dem das Recht des St\u00e4rkeren und seine gewaltige Zerst\u00f6rungskraft vor\u00fcber geht \u2013 GottseiDank. Denn der Gott, der zur Rache kommt, handelt gerade nicht nach dieser Rechtslogik. Vielmehr bereitet er Willk\u00fcr und Gewalt durch ein Recht ein Ende, das die Leidtragenden neu aufrichtet und st\u00e4rkt. Gottes Rache ist es, neues Leben zu schaffen und das, was besch\u00e4digt und verk\u00fcmmert war, heil zu machen und zum Bl\u00fchen zu bringen:<\/p>\n<p><em>Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben ge\u00f6ffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der W\u00fcste hervorbrechen und Str\u00f6me im d\u00fcrren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es d\u00fcrre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.<\/em><\/p>\n<p>Haben wir diesen heilvollen Horizont vor Augen? Und wenn nicht, wie gut, dass er in uns in dieser Adventszeit in Erinnerung gerufen wird. Denn auch wir gehen auf diesen Horizont zu, egal, was die kommenden Tage bringen werden. Das jedenfalls ist die Verhei\u00dfung, die sich verbindet mit der Geburt dessen, dessen Ankunft wir erwarten, die Verhei\u00dfung, dass dieser Horizont kein Wunschdenken ist, sondern bereits Wirklichkeit geworden.<\/p>\n<p>Es war die Zeit der r\u00f6mischen Besatzung, als Johannes der T\u00e4ufer zwei seiner J\u00fcnger aussandte, um einen Mann mit Namen Jesus zu fragen, ob er nun der Messias sei, in dem sich diese Verhei\u00dfung erf\u00fclle. Folgendes gab Jesus den Johannes-J\u00fcngern auf den Weg: \u201e<em>Geht und verk\u00fcndet Johannes, was ihr gesehen und geh\u00f6rt habt: Blinde sehen und Lahme gehen, Auss\u00e4tzige werden rein und Taube h\u00f6ren, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir \u00e4rgert.\u201c<\/em><\/p>\n<p>In Jesus war dieser heilvolle Horizont zum Greifen. Aber nicht alle ergriffen ihn erstaunlicherweise, sondern \u00e4rgerten sich an ihm. Er passte ihnen nicht ins Bild, in das Bild eines g\u00f6ttlichen K\u00f6nigs etwa oder das Bild eines heiligen Mannes.<\/p>\n<p>Wir sollten dies im Blick behalten, wenn wir nach diesem heilvollen Horizont Ausschau halten. Es kann gut sein, dass er anders aufscheint, als wir es uns auszumalen gelernt haben. So lasst uns Gott bitten, uns unsere Augen aufzutun und unsere Ohren zu \u00f6ffnen, damit wir uns nach diesem heilvollen Horizont ausrichten.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><em>(Predigt \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.die-bibel.de\/bibeln\/online-bibeln\/lutherbibel-2017\/bibeltext\/bibelstelle\/Jesaja%2035\/\">Jesaja 35,3-10<\/a>\u00a0 im Haus der Bayerischen Wirtschaft am 14.12.2018)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geliebte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der vbw, vielleicht hat sich ja der eine oder die andere von Ihnen gefragt, wie diese Worte aus dem Jesajabuch recht zu verstehen w\u00e4ren. 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