{"id":348,"date":"2018-10-22T19:06:05","date_gmt":"2018-10-22T18:06:05","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=348"},"modified":"2018-10-22T19:06:36","modified_gmt":"2018-10-22T18:06:36","slug":"mitten-in-dem-tode-sind-wir-vom-leben-umfangen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=348","title":{"rendered":"&#8222;Mitten in dem Tode sind wir vom Leben umfangen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>\u201eMedia vita in morte sumus.\u201c So beginnt ein gregorianischer Choral des 8.Jahrhunderts, den Martin Luther im Jahr 1524 wie folgt vertont hat: \u201eMitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen. Wer ist, der uns Hilfe bringt, dass wir Gnad erlangen?\u201c Diese Zeilen finden sich nicht nur im Evangelischen Gesangbuch, sondern auch im Gotteslob. \u00d6kumenisch, also welt- und menschheitsumspannend ist die Erkenntnis, die diesen Zeilen zugrunde liegt: Wir Menschen sind und bleiben Sterbliche. Das ist unsere Realit\u00e4t.<!--more--><\/p>\n<p>Im Mittelalter waren diese Zeilen Ausdruck einer Kunst, die uns Heutigen im Zuge der Hospizbewegung wieder neu vertraut geworden ist, die ars moriendi. Zu leben hei\u00dft sterben zu k\u00f6nnen, dies aber eben nicht erst am Sterbebett. Dort scheint sich vielmehr nachdr\u00fccklich zu offenbaren, wie man gelebt hat. Ein mir bekannter Arzt dr\u00fcckte das einmal so aus: \u201eIch habe so viele Menschen im Krankenhaus erlebt, die sich ans Leben geklammert haben, die wollten, dass man alles tut, was nur m\u00f6glich ist, damit sie noch einen Atemzug l\u00e4nger leben k\u00f6nnen. Und wissen Sie, was mir dabei aufgefallen ist? Gerade denen, die besonders geklammert haben, hat eigentlich grunds\u00e4tzlich eine Idee zum Leben gefehlt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.\u201c Oder anders gesagt: Sterben lernen hei\u00dft leben lernen. Was aber kann das bedeuten? Nahezu tagt\u00e4glich erlebe ich Sterbef\u00e4lle in meiner jetzigen Aufgabe. Ich bin nicht mehr als Seelsorger im Krankenhaus t\u00e4tig wie noch vor einigen Jahren, sondern arbeite unter anderem in einer Krankenkasse als Gespr\u00e4chspartner f\u00fcr Mitarbeitende in Krisen- und \u00dcbergangszeiten.<\/p>\n<p>In den meisten Situationen geht es dort nicht um den finalen Exitus, aber doch liegt etwas im Sterben oder wird betrauert, etwa bei Umstrukturierungen. Betriebliche Ver\u00e4nderungsprozesse erleben viele als Trauerprozesse. Verloren gehen f\u00fcr Mitarbeitende vertraute Aufgaben, eine vertraute Arbeitsumgebung, vertraute Kolleginnen und Kollegen. Das Alte ist vergangen. Das ist anzuerkennen, damit muss man umgehen und am Ende einen Weg f\u00fcr sich finden. Das kann bedeuten, seinen Platz und seine Rolle in der neuen Situation zu finden und zu definieren. Das kann aber auch hei\u00dfen, zu sehen und zu akzeptieren: so wie es jetzt ist, passt es nicht mehr zu mir \u2013 mit der Konsequenz, sich selbst neu zu orientieren.<\/p>\n<p>Oft setzt der Trauerprozess nicht erst dann ein, wenn gestorben wird. Das erlebe ich gerade bei den Mitarbeitenden, deren Eltern oder Schwiegereltern pflegebed\u00fcrftig werden. Getrauert wird da bereits, wenn die Eltern ins Pflegeheim wechseln und das Haus, in dem man aufgewachsen ist, ausger\u00e4umt wird. Lebenserinnerungen brauchen auf einmal eine neue Form, da sie nicht mehr an einem vertrauten Ort geweckt werden k\u00f6nnen. Besonders schwer ist es, wenn ein geliebter Mensch durch Demenz oder Alzheimer sein Erinnerungsverm\u00f6gen verliert. Wie schmerzhaft, wenn man vom eigenen Vater, der eigenen Mutter nicht mehr erkannt wird! Als Kind wird man zum Fremden. Wie soll, wie kann man das akzeptieren, wie damit umgehen, wie Abschied nehmen von einem Menschen, der noch da ist, aber von dem schon viel verschwunden ist?<\/p>\n<p>Pers\u00f6nlich besonders mitf\u00fchlen kann ich bei den Mitarbeitenden, die als Eltern Schritt f\u00fcr Schritt ihre Kinder loslassen. K\u00fcrzlich erz\u00e4hlte mir eine Mutter, wie in die Freude \u00fcber den Schulstart ihrer \u00c4ltesten sich auch \u00c4ngste und Sorgen mischen \u2013 und auch das Gef\u00fchl, nicht mehr so wichtig zu sein. \u201eFr\u00fcher habe ich sie zum Kindergarten gebracht. Heute geht sie alleine zum Schulbus. Dann ist sie aus der T\u00fcr und einfach weg. Und ich denke mir: hoffentlich geht alles gut, hoffentlich sind alle nett zu ihr.\u201c Das \u00c4lterwerden von Kindern ist mit Kontroll- und Bedeutungsverlust der Eltern verbunden. Das muss man erst einmal f\u00fcr sich klarbekommen.<\/p>\n<p>Das Leben besteht aus kleineren und gr\u00f6\u00dferen Sterbe- und Trauerf\u00e4llen. Das macht es fordernd und zuweilen auch sehr anstrengend. Wie und wo aber kann man die Kraft finden, damit zurechtzukommen? Martin Luther hat das \u201emedia vita in morte sumus\u201c weiter gedacht. Er schrieb: \u201eMitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen \u2013 kehr\u2019s auch um: Mitten in dem Tode sind wir vom Leben umfangen\u201c.<\/p>\n<p>Das vielf\u00e4ltige Sterben im Leben ist nicht die letzte Realit\u00e4t. Das Sterben, welches das Leben umgibt, ist noch einmal von einem Leben umh\u00fcllt, das uns leben l\u00e4sst. \u201eAm dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel.\u201c So bekennen wir Christen es von Jesus Christus, dessen Leben und Sterben uns diese H\u00fclle des Lebens um unser Sterben enth\u00fcllt hat. Mit anderen Worten: Wenn wir den auferstandenen Christus bekennen, sagen wir \u00fcber Gott, dass er in unserem Sterben im Leben das gibt, was wir zum Weiterleben brauchen. Darauf d\u00fcrfen wir vertrauen, im Leben wie im Sterben.<\/p>\n<p><em>(ver\u00f6ffentlicht im Pfarrbrief der Pfarreiengemeinschaft Herzogenaurach)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMedia vita in morte sumus.\u201c So beginnt ein gregorianischer Choral des 8.Jahrhunderts, den Martin Luther im Jahr 1524 wie folgt vertont hat: \u201eMitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen. Wer ist, der uns Hilfe bringt, dass wir Gnad erlangen?\u201c Diese Zeilen finden sich nicht nur im Evangelischen Gesangbuch, sondern auch im Gotteslob. \u00d6kumenisch, &hellip; <a href=\"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=348\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">&#8222;Mitten in dem Tode sind wir vom Leben umfangen&#8220;<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/348"}],"collection":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=348"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/348\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":350,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/348\/revisions\/350"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=348"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=348"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=348"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}