{"id":345,"date":"2018-06-02T19:57:00","date_gmt":"2018-06-02T18:57:00","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=345"},"modified":"2018-06-02T19:57:00","modified_gmt":"2018-06-02T18:57:00","slug":"selbst-bewusst-geschoepf-sein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=345","title":{"rendered":"Selbst-Bewusst Gesch\u00f6pf sein"},"content":{"rendered":"<p>Geliebte Gemeinde,<\/p>\n<p>wenn wir \u2013 wie auf dieser Tagung \u2013 von Selbstoptimierung sprechen, dann machen wir das sehr deutsch. Deutsche lieben Substantive: Selbstoptimierung. Was aber, wenn wir aus diesem gro\u00dfen Wort einen Satz bilden? Wie w\u00fcrde der lauten? Vermutlich: ich optimiere mich selbst. Und da nun wird es interessant. Denn in dem Satz wird das Subjekt der Selbstoptimierung, der oder die Handelnde deutlich. \u201eIch optimiere mich selbst.\u201c Ich mache das. Und damit wird deutlich, was Selbstoptimierung voraussetzt: dass sich mein Ich mein Selbst zum Gegen\u00fcber, zum Objekt meines Tuns machen kann.<\/p>\n<p>Wir Menschen k\u00f6nnen das. Wir k\u00f6nnen uns selbst zum Gegen\u00fcber machen, zum Objekt. Wir k\u00f6nnen uns selbst betrachten, an uns selbst arbeiten \u2013 und dieses Selbst kann unterschiedlich aussehen: meine k\u00f6rperliche Erscheinung, meine K\u00f6rperfunktionen, mein Verhalten, mein Denken. Dass ich mich zum Gegen\u00fcber machen kann als Mensch, das wird von manchen Philosophen heutzutage als das benannt, was uns Menschen von den Tieren unterscheidet \u2013 dieses Selbst-Bewusstsein.<!--more--><\/p>\n<p>Aber f\u00fchrt Selbst-Bewusstsein nun automatisch zur Selbst-Optimierung? Nat\u00fcrlich nicht. Wenn wir uns unserer selbst bewusst sind, dann bekommen wir uns erst einmal in den Blick \u2013 was noch lange nicht hei\u00dft, dass wir an uns etwas zu tun h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Selbst-Bewusstsein, Selbst-Wahrnehmung, Selbst-Empfinden, das k\u00f6nnen gestresste Manager und andere Zeitgenossen erleben, wenn sie sich in ein Kloster f\u00fcr ein Wochenende oder f\u00fcr ein paar Tage zur\u00fcckziehen. Nur f\u00fchrt dieses Selbst-Bewusstsein dann doch zu etwas anderem als dem vielleicht Erwarteten. Die ersehnte Ruhe, in der sich der Akku wie von alleine aufladen soll, gibt auf einmal auch anderem Raum, was im selbstoptimierten Alltag nicht Geh\u00f6r findet. Und dieses Andere fordert Aufmerksamkeit und Kraft, es lenkt ab von dem eigentlichen Ziel, das man sich doch im Kloster gesetzt hat. Nichts war\u00b4s dann mit dem Auftanken. Vielmehr wird der eigene Akku noch mehr strapaziert \u2013 und dazu noch von etwas in einem selbst, das eigentlich nur st\u00f6rt.<\/p>\n<p>Nur ein Beispiel, wie sich Selbst-Bewusstsein gegen die Selbst-Optimierung stellen kann.<\/p>\n<p><em>\u201eWas h\u00fclfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gew\u00f6nne und n\u00e4hme doch Schaden an seiner Seele?\u201c<\/em> (Mt 16,26)<\/p>\n<p>In dieser Frage, die Jesus in den Evangelien an seine J\u00fcnger richtet, steckt ein Hinweis, warum wir gut daran tun, Selbst-Bewusstsein und Selbst-Optimierung zu unterscheiden, und dem auf die Spur zu kommen, wie unsere allgemein-menschliche Gabe des Selbst-Bewusstseins uns in die ganz bestimmte, enge Fahrrinne der Selbst-Optimierung f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Dabei hilft es, sich den biblischen Kontext dieser Frage vor Augen zu f\u00fchren. Die Frage ist Jesus n\u00e4mlich in einer ganz bestimmten Phase seines Weges auf Erden in den Mund gelegt. In dieser Phase, so hei\u00dft es, beginnt Jesus sein Leiden anzuk\u00fcndigen, er beginnt davon zu erz\u00e4hlen, dass dieses Leiden mit seinem Tod enden w\u00fcrde und seiner Auferstehung.<\/p>\n<p>Und trotz dieser am Ende verhei\u00dfungsvollen Botschaft widerspricht ihm Petrus im Namen derer, die ihm bereits nachfolgen: \u201eDas widerfahre dir nur nicht!\u201c<\/p>\n<p>Petrus kann diesen Leidensweg nicht akzeptieren, wohl weil f\u00fcr ihn nicht denkbar ist, dass sich Gottes Herrschaft auf Erden im Leiden offenbaren k\u00f6nnte. Wer herrscht, braucht Machtstrukturen, Armeen, einen Hofstaat, Geld \u2013 aber doch kein Kreuz.<\/p>\n<p>Doch Jesus weist Petrus br\u00fcsk zur\u00fcck: <em>\u201eGeh weg von mir Satan! Du bist mir ein \u00c4rgernis; denn du meinst nicht, was g\u00f6ttlich, sondern was menschlich ist.\u201c<\/em> (Mt 16,23)<\/p>\n<p>Warum, fragt man sich da doch? Vielleicht lehrt uns der Blick in die menschliche Geschichte: Machtwechsel nach Menschenart kommen in der Regel nicht ohne \u2013 wie man so sch\u00f6n sagt \u2013 Kollateralsch\u00e4den aus. Wer herrschen will, muss zur Not \u00fcber Leichen gehen. Und wer seine Herrschaft aus\u00fcben will, der zahlt fraglos einen Preis, indem er permanent gen\u00f6tigt ist, diese Herrschaft abzusichern.<\/p>\n<p>Was aber sagt uns das in Sachen Selbst-Optimierung? Ich beobachte, dass Selbst-Optimierung oft einhergeht mit Selbst-Beherrschung. Das hei\u00dft aber: dieselbe Herrschaftslogik, die Menschen wie Petrus auf ihre Welt beziehen, wenden sie nun an sich selbst an.<\/p>\n<p>Was meiner Herrschaft \u00fcber mich hinderlich ist, was an mir selbst widerst\u00e4ndig oder schwach, krank oder h\u00e4sslich erscheint, wird abgeblendet, verbannt, abget\u00f6tet oder passend gemacht. Und dabei wird ein hoher Preis gezahlt.<\/p>\n<p>Es kostet die Seele \u2013 und damit ist nicht ein Organ gemeint, dass nach dem Tod den menschlichen K\u00f6rper verl\u00e4sst. Nein, die biblischen Worte f\u00fcr Seele bedeuten nichts anderes als Lebendigkeit.<\/p>\n<p><em>\u201eWas h\u00fclfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gew\u00f6nne und n\u00e4hme doch Schaden an seiner Lebendigkeit?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Das ist, was auf dem Spiel steht bei der Selbst-Optimierung: die eigene Lebendigkeit &#8211; und damit das, was mich ausmacht, wie ich Teil dieser Welt sein darf. In biblischer Sprache: mein Dasein als Gesch\u00f6pf. So ist im letzten Selbst-Optimierung als Selbst-Beherrschung ein Akt des Unglaubens, da ihr das Gottvertrauen in meinen Sch\u00f6pfer abgeht. <em>\u201eUnd Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.\u201c (Gen 1,31)<\/em> Alles, was er gemacht hatte, auch dich, auch mich, seine Gesch\u00f6pfe.<\/p>\n<p>Wie aber bekommen wir dies nun besser in den Blick? Wie l\u00e4sst sich unser Selbst-Bewusstsein aus der engen Fahrrinne der Selbst-Optimierung heben und in eine Wahrnehmung meiner selbst als Gesch\u00f6pf Gottes einbetten?<\/p>\n<p>Einen wertvollen Hinweis gibt Martin Luther in seinem Kleinen Katechismus, wenn er den ersten Satz des Glaubensbekenntnisses auslegt: \u201eIch glaube an Gott den Vater, den Allm\u00e4chtigen, den Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas ist das?\u201c, schreibt Luther \u201eIch glaube, da\u00df mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und erh\u00e4lt; dazu Kleider, Schuhe, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle G\u00fcter; mit allem, was not tut f\u00fcr Leib und Leben mich reichlich und t\u00e4glich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem \u00dcbel beh\u00fctet und bewahrt; und das alles aus lauter v\u00e4terlicher, g\u00f6ttlicher G\u00fcte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und W\u00fcrdigkeit\u201c.<\/p>\n<p>Hier kommt die ganze Lebendigkeit zur Sprache, die mich Gesch\u00f6pf sein l\u00e4sst, angefangen bei meinem Leib und seinen Gliedern \u00fcber die Nahrung, die diesen Leib erh\u00e4lt, hin zu meiner Umwelt, in die ich eingebettet bin, mit der ich in Beziehung stehe und dadurch mich als lebendig erlebe.<\/p>\n<p>Meine Lebendigkeit ist in diesem Ineinander und Miteinander, in dem wunderbaren Ineinandergreifen von so vielem gegeben, was ich teils \u00fcberschaue und teils eben nicht, all das, was mir tagt\u00e4glich widerf\u00e4hrt. Wenn ich mir dessen bewusst werde und damit meiner Selbst bewusst, meiner Lebendigkeit, meiner Seele, dann habe ich nat\u00fcrlich jedes Mal die Wahl.<\/p>\n<p>Ich kann mich sorgen, ob all das, was zu meiner Lebendigkeit beitr\u00e4gt, auch morgen noch da ist, und es daraufhin vermessen und \u00fcberwachen, kontrollieren und optimieren.<\/p>\n<p>Im Kleinen Katechismus schl\u00e4gt Luther einen anderen Umgang mit dem, was mich lebendig macht, vor. Er schlie\u00dft seine Auslegung des ersten Artikels des Glaubensbekenntnisses mit folgenden Worten:<\/p>\n<p>\u201ef\u00fcr all das ich Gott zu danken und zu loben und daf\u00fcr zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewi\u00dflich wahr.\u201c<\/p>\n<p>Indem ich Gott lobe und danke f\u00fcr das, was mich lebendig macht und dass ich lebendig bin, nehme ich das, was mir meiner selbst bewusst ist, zun\u00e4chst als Gabe Gottes wahr. Ich und all das, woraus ich bin, sind aus Gottes Hand. Und weil ich aus Gottes Hand bin, liegt auch mein Tun, auch im Verh\u00e4ltnis zu mir selbst, in Gottes Hand.<\/p>\n<p>So ist es etwas ganz Praktisches, was uns aus der engen Fahrrinne der Selbst-Optimierung heben kann und ein Selbst-Bewusstsein f\u00fcr unsere Gesch\u00f6pflichkeit, ja unsere Lebendigkeit erm\u00f6glicht. Im Beten, im Loben und Danken gewinnen wir das Selbst-Bewusstsein, in dem es sich optimal leben l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><em>(Andacht auf der Tagung &#8222;Selbstoptimierung &#8211; was sonst?!&#8220; an der Evangelischen Akademie Tutzing am 15.5.2018)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geliebte Gemeinde, wenn wir \u2013 wie auf dieser Tagung \u2013 von Selbstoptimierung sprechen, dann machen wir das sehr deutsch. Deutsche lieben Substantive: Selbstoptimierung. Was aber, wenn wir aus diesem gro\u00dfen Wort einen Satz bilden? Wie w\u00fcrde der lauten? Vermutlich: ich optimiere mich selbst. Und da nun wird es interessant. 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