{"id":300,"date":"2017-04-21T16:55:22","date_gmt":"2017-04-21T15:55:22","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=300"},"modified":"2017-04-21T16:55:22","modified_gmt":"2017-04-21T15:55:22","slug":"grundstuerzende-wahrnehmungsaenderung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=300","title":{"rendered":"Grundst\u00fcrzende Wahrnehmungs\u00e4nderung"},"content":{"rendered":"<p>Geliebte Teilnehmerinnen und Teilnehmer,<\/p>\n<p>es ist schon ein bemerkenswerter Zufall, dass dieses Jahr die Feierlichkeiten zum Reformationsgedenken zusammen fallen mit den Sozialwahlen, besonders bemerkenswert, so denke ich, f\u00fcr die EAG. Denn das Engagement der EAG in der Selbstverwaltung der Sozialversicherungen speist sich ja aus einer christlichen Haltung:<\/p>\n<p>\u201eAuf Bundes- wie auf Landesebene engagieren wir uns als Versichertenvertreter\/-innen in der Kranken-, Pflege-, Renten- und Unfallversicherung f\u00fcr die Einhaltung von Menschenw\u00fcrde, Gerechtigkeit, Entscheidungsfreiheit und Selbstverantwortung in der Arbeitswelt.\u201c So hei\u00dft es in der wirklich gelungenen Wahlwerbebrosch\u00fcre der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Arbeitnehmer-Organisationen (ACA).<\/p>\n<p>Da scheint ja alles klar zu sein. Und doch schadet es vielleicht nicht, gerade in diesem Jahr den einen oder anderen Bezug herzustellen von der reformatorischen Botschaft, die ja nichts anderes sein will als eine Neuauflage der biblischen Botschaft, hin zu dem, wof\u00fcr die Sozialwahlen stehen.<\/p>\n<p>Die Richtung kann uns dabei zum Beispiel die \u00d6kumenische Losung aus dem heute beginnenden Monat April weisen. Sie stammt aus dem Ende des Lukas-Evangeliums und lautet:<\/p>\n<p><em>\u201eWas sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.\u201c (Lk 24,5.6)<\/em><\/p>\n<p>Es sind die Worte, welche die Frauen in der Grabst\u00e4tte Jesu h\u00f6ren, als sie dort fr\u00fchmorgens ankommen, um den Leichnam Jesu zu salben. <!--more-->Es sind im Lukas-Evangelium wohlgemerkt nicht Maria und Magdalena, sondern zwei Frauen, von denen wir lediglich erfahren, dass sie mit Josef von Arimathia aus Galil\u00e4a gekommen waren. Josef von Arimathia, der Jesus seine letzte Ruhest\u00e4tte spendete, weil er, der selbst Mitglied des Hohen Rates war, das Todesurteil \u00fcber Jesus nicht mitgetragen hatte. Als Abweichler war er nicht m\u00e4chtig genug, den Tod Jesu zu verhindern, aber er konnte seinen Widerspruch dadurch kenntlich machen, dass er Jesus eine w\u00fcrdige Bestattung erm\u00f6glichte.<\/p>\n<p>Um die W\u00fcrde der letzten Ruhe Jesu ging es auch den Frauen, die da morgens kamen. Sie hatten sich auf ein Balsamierungsritual vorbereitet, das eigentlich nur Reichen und Vornehmen zustand. Es sollte wohl zum Ausdruck bringen, wie sie selbst Jesus zu Lebzeiten wahrgenommen hatten: als einen Vornehmen unter den Juden, als einen, der dieser hervorgehobenen posthumen W\u00fcrdigung aller Ehren wert war.<\/p>\n<p>Womit sie jedoch keineswegs rechnen konnten, war, dass Gott selbst ihnen zuvor gekommen war, indem er Jesus damit w\u00fcrdigte, dass er ihn, den offensichtlich Toten, zum Leben erweckt hatte.<\/p>\n<p>Lukas beschreibt in dieser Geschichte und den darauf folgenden, was diejenigen \u2013 ob nun genauso oder in \u00e4hnlicher Weise \u2013 erlebt haben d\u00fcrften, denen die Erkenntnis geschenkt wurde: <em>\u201eEr ist nicht hier \u2013 er ist auferstanden.\u201c<\/em> Diejenigen, die den Toten erwarteten, und damit konfrontiert wurden, dass er lebendig war.<\/p>\n<p>Ich glaube, man darf nicht untersch\u00e4tzen, wie grundst\u00fcrzend diese \u00c4nderung der eigenen Wahrnehmung gewesen sein musste. Es ist diese grundst\u00fcrzende Wahrnehmungs\u00e4nderung, die seither der Kern der christlichen Botschaft ist und die der Apostel Paulus f\u00fcr meine Begriffe uneinholbar so zur Sprache gebracht hat:<\/p>\n<p><em>\u201eDenn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch M\u00e4chte noch Gewalten, weder Gegenw\u00e4rtiges noch Zuk\u00fcnftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.\u201c (R\u00f6m 8,38f.) <\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr diese Wahrnehmungs\u00e4nderung stand Jesus schon zu seinen Lebzeiten. Wer ihm nachfolgte und zuh\u00f6rte, der erfuhr von dem Gott, den er als seinen Vater anrief, und von dem er erz\u00e4hlte als einem, der verlorene S\u00f6hne aufnimmt, der verlorene Schafe sucht, der einem jeden das Seine gibt, wie der Herr eines Weinbergs, und der einem jeden Talente schenkt, die er nicht vergraben, sondern zur Vermehrung nutzen m\u00f6ge, und noch vieles mehr von <em>\u201edieser Liebe Gottes\u201c<\/em>. Diese Botschaft brachte die Menschen schon damals in Bewegung und noch viel mehr, als sie erfuhren, dass diese Liebe Gottes eben in Jesus, dem auferstandenen Christus, gewesen sein musste, den sie als ihren Herrn bekannten, so wie Paulus dies tat.<\/p>\n<p>Die Wiederentdeckung dieser biblischen Botschaft war es auch, welche die Reformation in Bewegung brachte \u2013 und mit ihr viele Menschen. Auch hier steht am Anfang eine Wahrnehmungs\u00e4nderung, \u00e4hnlich der, welche die J\u00fcnger zu Jesu Zeiten in Bewegung brachte, und doch eben zeitspezifisch. Sie ist geb\u00fcndelt in der Frage Martin Luthers: \u201eWie bekomme ich einen gn\u00e4digen Gott?\u201c, eine Frage, aus der seine gro\u00dfe Not und die Not seiner Zeitgenossen spricht.<\/p>\n<p>Bis zu seiner Entdeckung des gn\u00e4digen Gottes konnte sich ein Luther n\u00e4mlich nicht gewiss sein, dass der Gott im Himmel ihn vor der in grellsten Farben ausgemalten H\u00f6lle bewahren k\u00f6nnte. Dass Jesus als Gottes Sohn \u201ehinabgestiegen in die H\u00f6lle\u201c diesen Weg an unserer Stelle gegangen ist, so dass wir dorthin nie m\u00fcssten, l\u00e4utete diese Wahrnehmungs\u00e4nderung ein.<\/p>\n<p><em>\u201eDie Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist\u201c<\/em>, wurde f\u00fcr Luther so zutiefst greifbar. Und er lehrte seine Zeitgenossen diese grundst\u00fcrzende Wahrnehmungs\u00e4nderung selbst nachzuvollziehen \u2013 mit allen Konsequenzen. Statt in Sorge um das eigene Seelenheil gefangen zu sein, sollten sie sich als von Gott geliebte Kinder begreifen lernen, die mit Gaben beschenkt sind und mit diesen Gaben einander dienen m\u00f6gen \u2013 in dem Amt, in dem Beruf, in der Aufgabe, vor die sie jeweils gestellt waren, ob als K\u00f6nig oder Knecht.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnte das aber mit Blick auf unsere sozialen Sicherungssysteme hei\u00dfen?<\/p>\n<p>Um Sorgen geht es ja auch in unseren sozialen Sicherungssystemen. Denn der Zweck dieser Systeme ist es, dem Einzelnen Schutz zu gew\u00e4hren vor den gro\u00dfen allgemeinen Lebensrisiken, die einem tats\u00e4chlich Kopfzerbrechen bereiten k\u00f6nnen. Sollte solch ein Lebensrisiko wie eine schwere Krankheit oder ein schlimmer Unfall sich im eigenen Leben ereignen, ist es ja sehr gut, zu wissen, dass man nicht alleine da steht, sondern auf Unterst\u00fctzung bauen kann. Und diese Unterst\u00fctzung wiederum f\u00e4llt nicht vom Himmel.<\/p>\n<p>Sie l\u00e4sst sich vielmehr beschreiben als Ergebnis einer institutionalisierten Praxis der N\u00e4chstenliebe: Jede und jeder von uns gibt einen Anteil von dem, was ihm oder ihr von Gott gegeben ist und stellt mit seinen oder ihren Beitr\u00e4gen die Mittel, damit die Not anderer, sei diese nun gesundheitlicher Natur, unfall- oder altersbedingt, gelindert werden kann.<\/p>\n<p>Ich halte es f\u00fcr wichtig und wertvoll, unsere Sozialsysteme immer wieder aus dieser Perspektive wahrzunehmen. Denn sonst wird nur noch \u00fcber zu hohe Beitr\u00e4ge und mangelnde Leistungen geklagt, \u00fcber die Kompliziertheit des Systems und die Korruptheit der Akteure \u2013 und man redet etwas schlecht, was in weiten Teilen und f\u00fcr viele Menschen in unserem Land tats\u00e4chlich ein echter Segen ist.<\/p>\n<p>Aus der Wahrnehmung <em>der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist<\/em>, darf man prinzipiell auch die als einen Segen betrachten, die als gew\u00e4hlte Vertreterinnen und Vertreter in der Selbstverwaltung wirken. Denn sie lassen sich in ein Amt, in einen Dienst berufen, ein Dienst an den Mitgliedern der jeweiligen Sozialversicherung.<\/p>\n<p>Und auch f\u00fcr diesen Dienst, wenn man ihn denn als Dienst leben will und kann, ist eines ganz wesentlich: dass man sich von den Sorgen, die solch eine Verantwortung mit sich bringt \u2013 sowohl die eigenen als auch die zugetragenen Sorgen \u2013 nicht \u00fcbermannen l\u00e4sst, sondern sich die F\u00e4higkeit bewahrt, in der Freiheit eines Christenmenschen n\u00fcchtern, sach- und realit\u00e4tsbezogen, mit dem Wissen um seine eigene Begrenztheit und der M\u00f6glichkeit eigenen Scheiterns dennoch nach bestem Wissen und Gewissen nach der bestm\u00f6glichen L\u00f6sung sucht.<\/p>\n<p>Diese Freiheit l\u00e4sst sich aber nur gewinnen, wenn man darauf vertrauen kann, dass keine Sorge zu tief, kein Scheitern zu abgr\u00fcndig, keine Schuld zu gro\u00df ist, als dass sie <em>\u201edie Liebe, die in Christus Jesus\u201c<\/em> ist, nicht zu \u00fcberwinden imstande w\u00e4re.<\/p>\n<p>Wenn wir in diesen Tagen auf Ostern zugehen, dann in der begr\u00fcndeten Hoffnung, dass uns diese Liebe in Jesus Christus entgegenkommt.<\/p>\n<p><em>\u201eWas sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>(Wort zum Tag auf einer Veranstaltung der <a href=\"https:\/\/www.eag-in-bayern-und-thueringen.de\/\">EAG in Bayern und Th\u00fcringen<\/a> zur Sozialwahl 2017 in M\u00fcnchen am 1.4.17)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch dies ist Teil der grundst\u00fcrzenden Wahrnehmungs\u00e4nderung, die ich bei Jesus, seinen J\u00fcngern und den Reformatoren wahrzunehmen meine.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sozialwahl und 500 Jahre Reformation fallen ins selbe Jahr<\/p>\n<ul>\n<li>Was hat das eine mit dem anderen zu tun?<\/li>\n<li>Lesung: verweist uns auf das Schl\u00fcsselereignis unseres Glaubens, die Auferstehung Jesu<\/li>\n<li>Luther hat den Leuten zu seiner Zeit vermittelt, was dies bedeutet<\/li>\n<li>Christlicher Glaube befreiend, Befreiung zum Handeln in Verantwortung vor Gott als Dienst am N\u00e4chsten<\/li>\n<li>Darauf basiert auch die Logik unserer sozialen Sicherungssysteme: Dienst am N\u00e4chsten \u2013 Subsidiarit\u00e4t als Prinzip Verantwortung<\/li>\n<li>Hasselhorn: Glaube ist nicht \u2026 Gottvertrauen bedeutet: Egal was passiert, welches Leid, welche Ungerechtigkeit auch immer \u00fcber mich hereinbricht; an meinem Gott und dessen Heilszusage halte ich fest. Luther lehrt ein tiefes, unbe\u00adirrbares Vertrauen in die Vaterliebe Gottes. Gemeint ist damit aber kein weltfremdes Kuschelchristentum. Das Leid und die Ungerechtigkeit werden nicht wegdiskutiert oder kleingeredet. Auch die \u201eAnfechtung\u201c, das hei\u00dft der Zweifel und das immer wieder neue Ringen mit Gott, geh\u00f6ren zum Luthertum dazu. Luther selbst schreibt, dass Gott immer wieder sein \u201eNein\u201c \u00fcber uns und unsere Existenz spricht. Lutherisches Gottvertrauen bedeutet, das nicht zu ignorieren, zugleich aber auch darauf zu vertrauen, dass Gott uns letztlich wohlgesonnen ist.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geliebte Teilnehmerinnen und Teilnehmer, es ist schon ein bemerkenswerter Zufall, dass dieses Jahr die Feierlichkeiten zum Reformationsgedenken zusammen fallen mit den Sozialwahlen, besonders bemerkenswert, so denke ich, f\u00fcr die EAG. Denn das Engagement der EAG in der Selbstverwaltung der Sozialversicherungen speist sich ja aus einer christlichen Haltung: \u201eAuf Bundes- wie auf Landesebene engagieren wir uns &hellip; <a href=\"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=300\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Grundst\u00fcrzende Wahrnehmungs\u00e4nderung<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/300"}],"collection":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=300"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/300\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":302,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/300\/revisions\/302"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}