{"id":250,"date":"2015-12-06T16:02:17","date_gmt":"2015-12-06T15:02:17","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=250"},"modified":"2016-03-06T12:39:54","modified_gmt":"2016-03-06T11:39:54","slug":"den-bruder-die-schwester-im-blick-behalten-auch-im-streit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=250","title":{"rendered":"Den Bruder, die Schwester im Blick behalten &#8211; auch im Streit"},"content":{"rendered":"<p>Liebe AEU-Mitglieder, liebe G\u00e4ste,<\/p>\n<p>Kaum zu glauben, aber mit dieser Veranstaltung neigt sich unsere Reihe mit Referenten zum Jahresthema \u201eFreiheit und Verantwortung\u201c dem Ende zu. Ich habe im Laufe des Jahres immer wieder versucht, auf dieses unser Jahresmotto unter einem jeweils anderen Gesichtspunkt Bezug zu nehmen. Heute \u2013 und da bietet sich der Kontext der Jahreslosung an \u2013 m\u00f6chte ich ein paar Gedanken zu der Frage \u201eChristlicher Freiheit in christlicher Gemeinschaft\u201c entfalten. H\u00f6ren wir aber zuerst die Verse aus dem R\u00f6merbrief, die uns dabei anleiten (R\u00f6mer 15,1-7):<\/p>\n<p><em>Wir aber, die wir stark sind, sollen das Unverm\u00f6gen der Schwachen tragen und nicht Gefallen an uns selber haben. Jeder von uns lebe so, dass er seinem N\u00e4chsten gefalle zum Guten und zur Erbauung. Denn auch Christus hatte nicht an sich selbst Gefallen, sondern wie geschrieben steht (Psalm 69,10): \u00bbDie Schm\u00e4hungen derer, die dich schm\u00e4hen, sind auf mich gefallen.\u00ab Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr eintr\u00e4chtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gem\u00e4\u00df,damit ihr einm\u00fctig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. <\/em><\/p>\n<p>Es ist sehr hilfreich, diese Worte vor dem Hintergrund der spezifischen Konfliktlinien zu h\u00f6ren, mit der Paulus zeit seines Lebens als Apostel zu tun hatte <!--more-->\u2013 der zwischen Heiden- und Judenchristen. Immer wieder f\u00fchrte er in den Gemeinden Auseinandersetzungen mit judenchristlichen Lehrern des Evangeliums und mit charismatische, wohl heidenchristlichen Freigeistern, die dem sola gratia doch noch das ein oder andere Gesetz, die ein oder andere biblisch belegbare Verhaltensweise, das ein oder andere Verbot, die ein oder andere Moral , die ein oder andere geistliche Kunst beigaben \u2013 als Voraussetzung des Heilserwerbs wohlgemerkt bzw. als Schutz vor Heilsverlust.<\/p>\n<p>Auch im R\u00f6merbrief diskutiert er solche Vorgaben: So glaubten nicht wenige, dass es Christen nicht erlaubt w\u00e4re, Fleisch zu essen, das vorher im Tempel den dortigen G\u00f6ttern zum Opfer gereicht worden war. Denn damit erkennte man ja diese G\u00f6tter an. Ja, man k\u00f6nnte sich damit sogar in ihre Machtsph\u00e4re begeben mit heillosen Folgen.<\/p>\n<p>Solchen Gedanken kann man nat\u00fcrlich gerade in christlicher Freiheit widersprechen. Wer wei\u00df, dass andere G\u00f6tter nur ohnm\u00e4chtige G\u00f6tzen sind, weil er an den lebendigen Gott glaubt, der kann doch gerade ganz entspannt dieses G\u00f6tzenopferfleisch essen. Keine G\u00f6tzenopfergabe ist\u2019s f\u00fcr ihn, sondern lediglich ein mehr oder minder schmackhaftes St\u00fcck Nahrung.<\/p>\n<p>Diese Art von Konfliktlinien ist uns in unseren Gemeinden heutzutage fremd. Doch es gibt so manch anderes, was heute unter Christen strittig ist. Ich denke an so manche Themen, die das Feld der Ehe und der Sexualit\u00e4t ber\u00fchren. Ich denke an Fragen, die den Anfang und das Ende menschlichen Lebens ber\u00fchren, an den Umgang mit vorgeburtlichem Leben ebenso wie an die Frage eines wahrhaft menschlichen Sterbenk\u00f6nnens.<\/p>\n<p>Und ja, auch wir im AEU haben es immer wieder mit wesentlichen politischen und wirtschaftsethischen Konfliktlinien zu tun, die wir in unseren Veranstaltungen beleuchten.<\/p>\n<p>Dabei wissen wir: unsere Welt ist nicht eindeutig. Sie ist voller Meinungen, Haltungen, \u00dcberzeugungen, \u00dcberlegungen, Wertungen, Pr\u00e4gungen, Erfahrungen, Begegnungen, Wahrnehmungen, Erkenntnissen. Und jeder von uns bringt dabei etwas anderes mit. Und was man jeweils mitbringt, das bleibt nicht gleich, das ver\u00e4ndert sich auch im Laufe des Lebens immer wieder mal.<\/p>\n<p>Erst k\u00fcrzlich habe ich mit einem guten Bekannten telefoniert, der inzwischen drei Kinder hat. Der sagte er zu mir: \u201eFr\u00fcher habe ich das Kinderwahlrecht f\u00fcr eine ziemlich absurde Idee gehalten. Heute sehe ich das etwas anders.\u201c<\/p>\n<p>Konfliktlinien gibt es \u00fcberall \u2013 selbst in den besten christlichen Gemeinden. Da, wo es sie nicht gibt, sind sie h\u00f6chstens elegant verborgen. Konfliktlinien sind schlicht normal. Weil das so ist, ist es so gut, dass wir mit Paulus einen Zeugen haben, der uns eine Orientierung gibt, wie wir mit bestehenden Konfliktlinien lernen k\u00f6nnen umzugehen \u2013 als Menschen, denen christliche Freiheit etwas bedeutet.<\/p>\n<p>Erstaunlich ist: Paulus gibt keinen Kriterienkatalog vor, nach dem wir bei Sachkonflikten zu entscheiden h\u00e4tten. Keine Ethikfibel, keine Gebotesammlung, keine Kasuistik. Keine Menschenlehre, kein Weltbild, das uns Orientierung gibt. Keine wissenschaftliche Abhandlung, keine Rechtslehre, keine Tradition, die uns in eindeutiger Weise hilft.<\/p>\n<p>Er weist vielmehr unseren Blick in eine bestimmte Richtung \u2013 an das Kreuz, wo in diesem einen Menschensohn Christus unsere Konflikte gehalten und, ja, gel\u00f6st sind. Wie, das wissen wir nicht. Wie, das kann uns auch Paulus im letzten nicht erl\u00e4utern, so sehr er sich immer wieder m\u00fcht. Aber in dem M\u00fchen wird diese eine Wahrheit, dass \u201ees vollbracht ist\u201c, sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Ich bef\u00fcrchte, dass wir das immer wieder vergessen in den Konflikten, in denen wir uns bewegen, ja, in denen wir zerrissen sind, dass unsere L\u00f6sungen nur vor-l\u00e4ufige, begrenzte, mit Verfallsdatum versehene sind. Dass an unseren Urteilen sich nicht das Wohl und Wehe der Welt, der Kirche, der aus unserer Sicht verlorenen Seelen entscheidet.<\/p>\n<p>\u201eEs ist vollbracht\u201c \u2013 dem ist nichts mehr hinzuzuf\u00fcgen durch unser Vollbringen, geschweige denn durch unser Meinen und Urteilen, durch unser Hoffen und Glauben, durch unser Denken und F\u00fchlen. Das anzuerkennen in den Konflikten, in denen wir stehen, er\u00f6ffnet uns die Freiheit, in der Paulus die Gemeinde in Rom als Starke im Glauben anspricht. Starke im Glauben, weil sie jenseits des Punktes sind, wo sie Gefallen an sich selber, an ihrem eigenen Vollbringen, an ihren eigenen scheinbar entscheidenden Meinungen, \u00dcberzeugungen, Wertungen haben.<\/p>\n<p>Diese Selbstgef\u00e4lligkeit steht n\u00e4mlich im Wege dessen, was uns als Gemeinschaft aufgetragen ist.<\/p>\n<p>Es ist uns aufgetragen, einander zu gefallen \u201ezum Guten und zur Erbauung\u201c. Dahinter steht die Erkenntnis, dass wir den Bruder, die Schwester brauchen, die uns immer von neuem zusprechen: \u201eEs ist vollbracht.\u201c Denn, wie Dietrich Bonhoeffer es einmal formuliert hat: \u201eDer Christus im eigenen Herzen ist schw\u00e4cher als der Christus im Wort des Bruders; jener ist ungewi\u00df, dieser ist gewi\u00df.\u201c<\/p>\n<p>Im Streit \u00fcber Meinungen, ja, in der Entzweiung besteht immer die Gefahr, dass wir uns einander als Zeugen der Heilsbotschaft berauben. Ich frage mich: Ist es das wert?<\/p>\n<p>Darum noch einmal der Blick auf Christus: \u201eNehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.\u201c<\/p>\n<p>Wie Christus euch angenommen hat \u2013 im Plural, im Plural der \u00dcberzeugungen und Wertungen, der Haltungen und Pr\u00e4gungen pr\u00e4sent unter uns, aber eben als Gemeinschaft derer, die lernen, was es hei\u00dft, barmherzig zu sein zum Bruder, zur Schwester, so wie Gott durch Christus uns barmherzig war, die lernen, was es hei\u00dft, dem Bruder, der Schwester zu vergeben, so wie Gott durch Christus uns vergeben hat, die lernen, was es hei\u00dft, den Bruder, die Schwester zu lieben, so wie Gott durch Christus uns liebt.<\/p>\n<p>Freiheit in Verantwortung \u2013 das ist, so w\u00fcrde ich formulieren, die Freiheit, in der unser Tun am Bruder, an der Schwester, rechte Antwort auf das w\u00e4re, was Gott in Christus an uns schon l\u00e4ngst vollbracht hat \u2013 zu Gottes Lob.<\/p>\n<p>M\u00f6ge uns diese Freiheit in unserem Tagwerk geschenkt sein.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe AEU-Mitglieder, liebe G\u00e4ste, Kaum zu glauben, aber mit dieser Veranstaltung neigt sich unsere Reihe mit Referenten zum Jahresthema \u201eFreiheit und Verantwortung\u201c dem Ende zu. 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