{"id":240,"date":"2015-07-04T21:46:31","date_gmt":"2015-07-04T20:46:31","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=240"},"modified":"2016-03-06T12:40:18","modified_gmt":"2016-03-06T11:40:18","slug":"ich-lasse-dich-nicht-du-segnest-mich-denn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=240","title":{"rendered":"Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn"},"content":{"rendered":"<p><em>Andacht zu<\/em><strong><em> Genesis 32,23-32 <\/em><\/strong><em>(s. <a href=\"http:\/\/www.die-bibel.de\/online-bibeln\/luther-bibel-1984\/bibeltext\/bibel\/text\/lesen\/?tx_buhbibelmodul_bibletext[scripture]=Genesis+32%2C23-32\">hier<\/a> den Bibelabschnitt zum Nachschlagen)<\/em><\/p>\n<p>Liebe AEU-Mitglieder, liebe G\u00e4ste,<\/p>\n<p>unser Jahresthema ist \u201eFreiheit und Verantwortung\u201c. Und wir haben dieses Thema ein wenig so angegangen, als ob wir mit diesen zwei Worten eine \u00dcberschrift auf ein Banner gepr\u00e4gt haben. Ein Banner, das wir dann \u00fcber das Leben eines Christenmenschen, auch \u00fcber unser Leben als in der Wirtschaft t\u00e4tige Christenmenschen spannen k\u00f6nnten. Die heutige Geschichte l\u00e4dt uns ein, noch einmal einen Schritt zur\u00fcck zu treten. Sie l\u00e4dt uns ein, ein wenig den Blick auf diesem Banner verweilen zu lassen. Sie l\u00e4dt uns ein, zu fragen, ob dieses Banner vollst\u00e4ndig beschriftet ist, ob damit wirklich unser ganzes Leben als Christenmenschen zu fassen w\u00e4re.<!--more--><\/p>\n<p>Was, wenn wir nun noch einmal den Edding zur Hand n\u00e4hmen, um uns noch ein Wort zu notieren? Etwa das Wort \u201eSegen\u201c, das ja so prominent in der heutigen Geschichte auftaucht. \u201eIch lasse dich nicht, du segnest mich denn.\u201c \u2013 \u00fcbrigens der Monatsspruch f\u00fcr diesen Juni. Nicht nur zu diesem einen Akt aus dem Leben des Jakob, sondern zu Jakobs gesamtem Lebensweg w\u00fcrde dieses Wort zur \u00dcberschrift geh\u00f6ren. Besser noch als \u201eFreiheit\u201c und \u201eVerantwortung\u201c, Worte, die da nicht so recht greifen wollen, zumindest nicht so, wie wir von ihnen gemeinhin zu denken und zu reden gelernt haben \u2013 als individualethische Kategorien im \u201evita activa\u201c eines \u201ehomo faber\u201c.<\/p>\n<p>Erinnern wir uns: Jakobs Geschichte ist zwar die Lebensgeschichte eines frommen, gesegneten Menschen ist. Aber diese eine Lebensgeschichte kann nicht erz\u00e4hlt werden ohne die Lebensgeschichten anderer \u2013 seines Bruders Esau, seiner Eltern Rebekka und Isaak, seiner Gro\u00dfeltern Sara und Abraham, ja, seiner Kinder, deren Namen auf ewig die Banner der zw\u00f6lf St\u00e4mme Israels schm\u00fccken.<\/p>\n<p>Die individualethische Erz\u00e4hlperspektive unter dem Banner \u201eFreiheit und Verantwortung\u201c w\u00fcrde da zu kurz greifen. Gilt das aber nicht auch f\u00fcr uns? K\u00f6nnen unsere Lebensgeschichten erz\u00e4hlt werden ohne die Geschichten unserer Eltern und Gro\u00dfeltern, ohne die Geschichten unserer Geschwister und unserer Kinder?<\/p>\n<p>Und sind diese Geschichten zu Ende erz\u00e4hlt, wenn wir von der Freiheit und Verantwortung der einzelnen Protagonisten berichten? Oder geht es da nicht auch \u2013 wie in der Geschichte von Jakobs Clan \u2013 immer wieder um Segen und Fluch, um Gelingen und Scheitern, um Heil und Unheil, um Widerfahrnisse, Verwobenheiten und Verstrickheiten, die man als einzelner noch so Frommer und Gerechter kaum in der Hand hat und mit denen man irgendwie zurechtzukommen versucht?<\/p>\n<p>So wie eben dieser Jakob. Was ist Jakob nicht alles widerfahren, bevor er da steht an der Furt des Jabbok, verstrickt in die Netze, die andere gesponnen hatten und an denen auch er kr\u00e4ftig mit gewoben hatte mit all seinen Tricks und Listigkeiten? All das brachte ihn in die Zwickm\u00fchle, in der er sich befand, dort am Jabbok, eingeklemmt zwischen zwei m\u00e4nnlichen Verwandten, die ihm nicht gerade wohl gesonnen waren:<\/p>\n<p>Hinter ihm sein alter Onkel Laban, Bruder seiner Mutter Rebekka, Vater seiner beiden Frauen Lea und Rahel. 20 Jahre hat er ihm gedient, 14 Jahre, um sich zwei Frauen zu erarbeiten, Rahel, die er liebte, und Lea, die Untergejubelte, weitere sechs, um mit einem gesegneten Wohlstand in die Heimat zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Diesen Wohlstand wollte ihn der Onkel nicht g\u00f6nnen. Profitiert hatte dieser alte Trittbrettfahrer in all den Jahren von dem gesegneten Wirken Jakobs, aber den Hals hatte er nie voll bekommen. Nur mit Gottes Hilfe konnte Jakob sich diesen schwierigen Onkel gerade noch vom Leib halten.<\/p>\n<p>Und vor ihm, da wartete sein Bruder Esau. Vor dem war er geflohen, damals, vor 20 Jahren. Esau, den Jakob um all seine Privilegien gebracht hatte. Zuerst hatte er, Jakob, der Frommere der beiden, seinem Bruder die religi\u00f6sen Privilegien des Erstgeborenen abgeluchst, der zum Haus- und Hofpriester berufen war. Esau, der J\u00e4ger, der Rohling, hatte dieses von ihm nicht gesch\u00e4tzte Privileg f\u00fcr ein Linsengericht einfach hergeschenkt.<\/p>\n<p>Und dann half Mama Rebekka noch kr\u00e4ftig mit, dass auch der Segen des Erstgeborenen ihrem Lieblingssohn Jakob zugesprochen wurde. Rebekka kannte die Schw\u00e4che ihres Mannes Isaak. Bei dem ging die Liebe durch den Magen. Deswegen liebte er auch den J\u00e4gersohn Esau so viel mehr, weil der immer das leckere Wildbret anschaffte. Ein Leichtes, diesen blinden Nimmersatt mit einem feinen Mahl zu \u00fcbert\u00f6lpeln und den Segen zu erheischen. Zur\u00fcck blieb Esau mit leeren H\u00e4nden und kaltem Zorn. Kein Wunder, dass er ersinnt, den Jakob zu t\u00f6ten. Ein Gl\u00fcck, dass Rebekka davon Wind bekommt und den Jakob fort schickt.<\/p>\n<p>Da steht er nun, dieser Jakob, an der Furt des Jabbok, in der Zwickm\u00fchle. Ist er nun wirklich gesegnet angesichts solch eines Lebens?<\/p>\n<p>So recht zu wissen scheint er\u2019s auch nicht. Klar, zugesprochen wurde ihm schon viel: Eine Verhei\u00dfung f\u00fcr ihn hatte bereits seine Mutter vor der Geburt empfangen. Dann segnete ihn der Vater, mehrfach, dann Gott selbst sogar mit dem Segen Abrahams, damals in Bethel auf der Himmelsleiter. Doch der Zuspruch entfaltete sich h\u00f6chst ambivalent:<\/p>\n<p>Ja, Reichtum erwarb er, aber fern der Heimat und dank Maloche f\u00fcr einen anderen.Ja, Liebe und Nachkommenschaft wurde ihm zuteil mit Rahel, aber er kennt auch den Beischlaf als Ehepflicht mit Lea.<\/p>\n<p>Und so einfach verlassen wusste Jakob sich auch nie auf das, was ihm verhei\u00dfen ward. Immer wieder half er dem Gl\u00fcck mit Tricks nach. Auch jetzt hat er aktiv vorgesorgt, hat sein Hab und Gut in zwei Lager aufgeteilt, um eines zu retten, sollte Esau das andere \u00fcberfallen. Und er hat mehrere Delegationen mit reichen Geschenken vorausgeschickt, um Esau und seine 400 Mann starke Truppe milde zu stimmen, bevor die beiden Br\u00fcder aufeinander sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Auch betend sorgt er vor, erinnert Gott selbst an seine Verhei\u00dfungen: <em>Errette mich von der Hand meines Bruders&#8230;; denn ich f\u00fcrchte mich vor ihm, dass er komme und schlage mich, die M\u00fctter samt den Kindern. DU hast gesagt: Ich will dir wohl tun und deine Nachkommen machen wie den Sand am Meer&#8230;\u201c<\/em> Jakob fordert wieder einmal sein Gl\u00fcck heraus, betend, flehend, beschw\u00f6rend \u2013 der homo faber als homo orans, vita activa eines Frommen.<\/p>\n<p>Und Gott, der Angerufene? Gott l\u00e4sst sich nicht lange bitten. Gott sucht Jakob heim, aber anders als erwartet. Ringend, k\u00e4mpfend, auf Mark und Bein verletzend, im Schatten der Nacht. Jakob, nichts ahnend zun\u00e4chst, was da passiert, steht seinen Mann, irgendwie, er l\u00e4sst nicht locker, irgendwie, entwickelt ein Gesp\u00fcr f\u00fcr diesen Kampf und worum es dabei geht, irgendwie &#8211; und als die Morgenr\u00f6te anbricht, bleibt er zur\u00fcck als Gesegneter, als Geretteter, als Gott Begegneter.<\/p>\n<p>Im Dunkel der Nacht hat er den Segen erringend empfangen, empfangend errungen, im Dunkel der Nacht. Dass sein Gebet so erh\u00f6rt werden w\u00fcrde, das w\u00e4re ihm wohl im Traum nicht eingefallen. Und dass er dabei gezeichnet zur\u00fcckbleibt, sicher auch nicht \u2013 gezeichnet an seinem Leib, gezeichnet an dem, wie ihn die anderen fortan rufen werden, und sp\u00fcrbar gesegnet.<\/p>\n<p>Ausbuchstabiert wird nicht, was dieser Segen nun bedeutet, bewirkt. Bleibt es nun unserer Phantasie oder vielleicht noch mehr: unserem Tun in Freiheit und Verantwortung \u00fcberlassen, diesem Segen Gestalt zu geben?<\/p>\n<p>Nun ja: Jakobs Geschichte gibt uns eher den Hinweis, dass das M\u00fchen, Gottes Segen Gestalt zu geben, ihm durch Tricks und Maloche nachzuhelfen, in die Zwickm\u00fchle f\u00fchrt. Jakobs Geschichte gibt uns eher den Hinweis, dass Gott sich segnend sich so ganz anders erweist als wir es in unseren W\u00fcnschen und Fantasien und Gebeten erwarten, vielleicht sogar erzwingen wollen.<\/p>\n<p>Vielleicht k\u00f6nnen wir diesen Segen des Jakob so unausgedeutet stehen lassen, wenn wir uns vor Augen f\u00fchren, dass die endg\u00fcltige Deutung dieses Segens noch aussteht. Denn dieser Segen entfaltet sich weiter in den ineinander verwobenen Lebensgeschichten der Nachkommen Jakobs.<\/p>\n<p>Und dann k\u00f6nnten wir erahnen, dass auch wir mit unseren Lebensgeschichten da hinein verwoben sind als Kinder Jakobs. Dann k\u00f6nnte es uns widerfahren, dass Gott sich in unseren Lebensgeschichten andeutet, dass Gott uns packt und wir einander nicht mehr los lassen. Gut, wenn wir uns dann an die Antwort unseres Vorfahren Jakob erinnern und sie nachsprechen: <em>\u201eIch lasse dich nicht; du segnest mich denn.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andacht zu Genesis 32,23-32 (s. hier den Bibelabschnitt zum Nachschlagen) Liebe AEU-Mitglieder, liebe G\u00e4ste, unser Jahresthema ist \u201eFreiheit und Verantwortung\u201c. Und wir haben dieses Thema ein wenig so angegangen, als ob wir mit diesen zwei Worten eine \u00dcberschrift auf ein Banner gepr\u00e4gt haben. 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