{"id":223,"date":"2015-03-22T16:03:21","date_gmt":"2015-03-22T15:03:21","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=223"},"modified":"2015-04-12T17:45:13","modified_gmt":"2015-04-12T16:45:13","slug":"zwei-herren-ueber-leben-und-tod","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=223","title":{"rendered":"Zwei Herren \u00fcber Leben und Tod"},"content":{"rendered":"<p><em>Predigt an L\u00e4tare zu <strong>Joh 18,28 \u2013 19,5<\/strong> (s. <a title=\"Jesu Verh\u00f6r vor Pilatus\" href=\"http:\/\/www.die-bibel.de\/online-bibeln\/luther-bibel-1984\/bibeltext\/bibel\/text\/lesen\/?tx_buhbibelmodul_bibletext[scripture]=Joh+18%2C28-19%2C5\">hier <\/a>den Bibelabschnitt zum Nachschlagen)<\/em><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p><strong>(1) Eine wirkm\u00e4chtige Begegnung<\/strong><\/p>\n<p>Eine bemerkenswerte Szene ist es, die wir heute betrachten. Bemerkenswert und wirkm\u00e4chtig. Die Begegnung von Pilatus und Jesus, sie hat mannigfach Eingang gefunden in Literatur und Kunst.<\/p>\n<p>Die Kerns\u00e4tze des Pilatus sind zu gefl\u00fcgelten Worten geworden \u2013 sei es die Frage, die Pilatus an Jesus richtet: \u201eWas ist Wahrheit?\u201c, sei es der Ausruf, mit dem Pilatus den gefolterten Jesu dem Volk pr\u00e4sentiert: \u201eSeht, welch ein Mensch\u201c \u2013 oder schlie\u00dflich das illustre: \u201eIch wasche meine H\u00e4nde in Unschuld.\u201c<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich wird die Begegnung zitiert im Glaubensbekenntnis: \u201eGelitten unter Pontius Pilatus\u201c \u2013 das ist nicht nur eine zeitliche Einordnung des Lebens Jesu. Das ruft diese Begegnung in Erinnerung, jeden Sonntag, an dem wir das Bekenntnis sprechen.<!--more--><\/p>\n<p>Wie kommt es, dass diese Begegnung \u00fcber die Jahrhunderte so wirkm\u00e4chtig war und ist? Es ist wohl so, dass hier, bei dieser Begegnung zwischen dem Menschen, der zu seiner Zeit an jenem Ort des Geschehens Herr \u00fcber Leben und Tod war, und dem Menschen, der vom Herrn \u00fcber Leben und Tod zeugt, sich etwas verdichtet, was uns alle angeht. Denn was hier, zwischen Pilatus und Jesus verhandelt wird, das ist nichts weniger als die Frage nach dem, wer Gott ist \u2013 und was das f\u00fcr uns Menschen hei\u00dft.<\/p>\n<p><strong>(2) Zwei Herren \u00fcber Leben und Tod<\/strong><\/p>\n<p>Pilatus hat sich diese Verhandlung nicht ausgesucht. Sie wird ihm aufgedr\u00e4ngt. Darin ist er uns gleich. Auch wir suchen sie uns nicht aus, diese Verhandlung der Frage nach dem, wer Gott ist. Das Leben l\u00e4sst uns diese Frage verhandeln, immer wieder \u2013 und immer wieder anders. Sie taucht auf, diese Frage, einfach so \u2013 bei Pilatus in Gestalt der Juden, die bei ihm fr\u00fchmorgens vor der T\u00fcr stehen und zun\u00e4chst einmal herumdrucksen, was sie eigentlich wollen.<\/p>\n<p>Offensichtlich ist es noch nicht, worum es in diesem Fall geht. Da gibt es also einen, der den Juden ein Dorn im Auge ist, warum auch immer. Sie r\u00fccken damit nicht heraus. Wozu sich damit auseinandersetzen? Das k\u00f6nnte unn\u00f6tigen Stress bedeuten. So sagt dann Pilatus auch: <em>So nehmt ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetz.<\/em> Allein, er wird nicht aus der Verantwortung entlassen. Im Gegenteil, jetzt wird er erst richtig hineingezogen in eine Angelegenheit, in der es um Leben und Tod gehen soll.<\/p>\n<p>Keine leichtfertige Angelegenheit ist das, auch f\u00fcr Pilatus nicht. Auch wenn er dort in Jerusalem Herr \u00fcber Leben und Tod ist, so hat er doch genug Respekt, um nicht einfach blindlings den Daumen zu heben oder zu senken, je nach Lust und Laune.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich, das ehrt ihn \u2013 und unterscheidet ihn von so manchen Herren \u00fcber Leben und Tod, die in ihren Allmachtsphantasien diesen Respekt, diese Achtung, diese Achtsamkeit nicht mehr aufzubringen f\u00e4hig sind.<\/p>\n<p>Pilatus macht sich die M\u00fche und fragt nach: <em>Bist du der K\u00f6nig der Juden?<\/em> Nat\u00fcrlich ist das auch seine Pflicht. Sollte hier einer auftauchen, der die Vorherrschaft der R\u00f6mer in Frage zu stellen f\u00e4hig w\u00e4re, er m\u00fcsste ja handeln. Aufruhr \u2013 das ist ja nun wirklich ein Tatbestand der Todestrafe w\u00fcrdig. Allein, nach einem K\u00f6nig schaut dieser Mensch da nicht aus. Und merkw\u00fcrdig ist es ja allemal, dass die Juden selbst ihren angeblichen K\u00f6nig den R\u00f6mern \u00fcberstellen.<\/p>\n<p><strong>(3) Merkw\u00fcrdigkeiten<\/strong><\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdig &#8211; vielleicht ist es auch <span style=\"text-decoration: underline;\">Ihre<\/span> Erfahrung, dass es merkw\u00fcrdig zugeht, wenn die Frage nach dem, wer Gott ist, auf einmal im eigenen Leben auftaucht. Es ist w\u00fcrdig sich zu merken.<\/p>\n<p>Denn da passieren Dinge, die Fragen aufwerfen, neue Fragen. Und Antworten werden gegeben, die sich nicht so recht einordnen lassen \u2013 so wie die Antwort Jesu:<\/p>\n<p><em>Mein Reich ist nicht von dieser Welt. W\u00e4re mein Reich von dieser Welt, meine Diener w\u00fcrden darum k\u00e4mpfen, dass ich den Juden nicht \u00fcberantwortet w\u00fcrde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt.<\/em><\/p>\n<p>Irgendwie einleuchtend klingt es, was dieser Jesus da von sich gibt. Wenn er ein K\u00f6nig w\u00e4re, so wie Pilatus das kennt, dann h\u00e4tte er doch eine Armee, zumindest eine Leibgarde. Dann st\u00fcnde er hier doch nicht allein und entbl\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>Und doch passt diese Antwort nicht in das vertraute Schema des Pilatus. Denn ein K\u00f6nig zu sein behauptet dieser Mensch dann doch irgendwie \u2013 ohne die Insignien der Macht. Was soll das hei\u00dfen? <em>So bist du dennoch ein K\u00f6nig?<\/em> fragt Pilatus zaghaft nach. Dennoch \u2013 auch wenn ich\u2019s nicht erkennen kann?<\/p>\n<p>Man kann sich vorstellen, dass Pilatus diese Frage in einer Mischung aus Sorge, Neugierde und Belustigung stellt. Noch scheint er hin und her gerissen zu sein, ob dieser da nun doch eine Bedrohung sein k\u00f6nnte, einfach nur spinnt oder vielleicht doch etwas in petto hat, was durchaus interessant, durchaus lehrreich w\u00e4re. Der da wird zum Untersuchungsgegenstand.<\/p>\n<p>Zur Haltung des Richters kommt die Haltung des Forschers. Ist das nicht so, wenn die Frage nach dem, wer Gott ist, auftaucht, dass wir dann erst einmal forschen? Fragen stellen? Versuchen zu ordnen und einzuordnen? Alles griffig zu machen? Und das m\u00f6glichst in neutraler, distanzierter Haltung?<\/p>\n<p><strong>(4) Vom Umgang mit der Wahrheit<\/strong><\/p>\n<p>So zumindest erscheint einem Pilatus. Auf die Worte Jesu: <em>Du sagst es, ich bin ein K\u00f6nig. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der h\u00f6rt meine Stimme. <\/em>sagt er nur trocken: <em>Was ist Wahrheit?<\/em><\/p>\n<p>Viel ist geschrieben und nachgedacht worden \u00fcber diese Frage. Man kann hier den zynisch gewordenen Politiker h\u00f6ren, dessen Gesch\u00e4ft es ist, spezielle Wahrheiten zu verkaufen und wirkungsvolle L\u00fcgengeschichten zu platzieren. Man kann den Philosophen h\u00f6ren, der wei\u00df (oder zu wissen meint), dass Wahrheit eine relative Gr\u00f6\u00dfe ist, die im Auge des Betrachters liegt. Man kann den im R\u00f6mischen Reich weitgereisten Expat h\u00f6ren, der in seinem abwechslungsreichen Leben schon so manche \u00dcberzeugung hat relativieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Und doch signalisiert diese Frage vor allem eines: Pilatus hat kein Interesse an der Wahrheit, von der dieser Jesus zeugt. Seine Frage lautet ja nicht: \u201eVon welcher Wahrheit sprichst du da?\u201c Jesus bleibt Stichwortgeber f\u00fcr Pilatus. Wenn einer schon mit der Wahrheit anf\u00e4ngt, mit dem gro\u00dfen Ganzen, das ist dann doch eine Nummer zu gro\u00df. Auf Grundsatzdiskussionen l\u00e4sst sich ein Pilatus nicht ein. Er ist der, der die Fragen stellt, nicht der, der sich in Frage stellen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Das nun unterscheidet ihn von denen, die dem nachgehen, was dieser Jesus sagt. In diesem Nachgehen werden sie zu J\u00fcngern dieses Jesus. Indem sie seine Stimme h\u00f6ren und dieser Stimme folgen, tauchen sie ein in diese Wahrheit, von der er zeugt. In diese Wahrheit eintauchend beginnen sie aus dieser Wahrheit zu sein, wohlgemerkt zun\u00e4chst einmal: zu sein.<\/p>\n<p>Diese Wahrheit ist zun\u00e4chst einmal keine Gebrauchsanleitung zum Leben. Sie ist keine Ethikfibel. Sie ist eine Lebensform. J\u00fcnger sein, hei\u00dft, sich in eine bestimmte Geschichte hineinnehmen lassen, eine Geschichte, die viel gr\u00f6\u00dfer ist als wir selbst, eine Geschichte, die von Gott zeugt, der mit uns Menschen ist (Sie erinnern sich: es ging und geht ja um die Frage, wer dieser Gott ist). \u201eAus der Wahrheit sein\u201c, das hei\u00dft: In dieser Geschichte, in diesen Geschichten leben, sich aufhalten, sich bewegen, die uns \u00fcberliefert sind.<\/p>\n<p>Nichts anderes tun wir Sonntag f\u00fcr Sonntag, wenn wir uns hier versammeln, wie alle Christen weltweit. Wir lassen uns hineinnehmen in diese Geschichten, wir h\u00f6ren auf die Stimme Jesu.<\/p>\n<p>Dass dies nichts Selbstverst\u00e4ndliches ist, was wir da tun, &#8211; und dass es sehr wohl einen Unterschied macht, das zeigt uns Pilatus. Auch er h\u00e4tte die M\u00f6glichkeit gehabt, sich Jesu Stimme anzuvertrauen. Wer wei\u00df, wie die Geschichte dann weiter gegangen w\u00e4re?<\/p>\n<p><strong>(5) Von der Machtlosigkeit menschlicher Macht<\/strong><\/p>\n<p>Stattdessen geht Pilatus nach bew\u00e4hrter Manier vor, um sich der Angelegenheit zu entledigen, die ihm da am fr\u00fchen Morgen vor die F\u00fc\u00dfe gefallen ist. Mit zwei scheinbar klugen Schachz\u00fcgen will er das Volk dazu bewegen, von Jesus zu lassen.<\/p>\n<p>Zuerst bietet er ihnen an, ihr Urteil in seinem Sinne zu revidieren. Sie sollen ihn bitten, Jesus zu begnadigen. Allein, das Volk will nicht. Zu durchschaubar ist sein Schachzug. Da bleibt nur noch der Wink mit dem Zaunpfahl: Pilatus l\u00e4sst Jesus schlagen und erniedrigen \u2013 eine Machtdemonstration, aber vor allem ein Versuch, das Volk doch noch umzustimmen. Was sie da behaupten, dass dieser ein K\u00f6nig sei, dar\u00fcber kann sich einer wie Pilatus nur sp\u00f6ttisch erheben.<\/p>\n<p>Sein Spott gilt nicht Jesus. Er gilt dem Irrsinn der Masse. Allein \u2013 dieser Irrsinn l\u00e4sst sich weder mit Tricks noch mit Gewalt beheben. Am Ende ist Pilatus, der Herr \u00fcber Leben und Tod, mit seinem Latein am Ende. Obwohl er das Leben dieses Menschen Jesus will, muss er seinen Tod beschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Wie vielen M\u00e4chtigen auf Erden es wohl schon so ergangen ist, die das Leben wollten und den Tod beschlossen? Wie oft es uns wohl schon so ergangen ist, dass wir so handeln, wie Paulus es so trefflich sagt: <em>Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das B\u00f6se, das ich nicht will, das tue ich<\/em>?<\/p>\n<p>Pilatus, er ist uns n\u00e4her, als wir gerne glauben m\u00f6gen. Er ist uns nahe als der Mensch, der die Wahrheit, von der Jesus zeugt, nicht zu h\u00f6ren bereit ist, weil er meint, sie nicht zu brauchen. Daran scheitert er und will\u2019s nicht wahrhaben. Stattdessen will er doch lieber glauben, dass er seine H\u00e4nde in Unschuld waschen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>\u201eGelitten unter Pontius Pilatus\u201c \u2013 dieser Halbsatz aus dem Glaubensbekenntnis ruft uns all dies ins Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n<p><strong>(6) Seht, welch ein Mensch!<\/strong><\/p>\n<p>Er ruft uns aber auch ins Ged\u00e4chtnis, dass das von Pilatus mit ausgel\u00f6ste Leid diesen Menschen nicht zugrunde richtet.<\/p>\n<p>\u201eSeht, welch ein Mensch!\u201c \u2013 \u201eEcce homo!\u201c \u2013 diese Worte, mit der unsere Geschichte heute schlie\u00dft, sie weisen schon \u00fcber das hinaus, was hier zu sehen ist. Sie lassen schon die Umdeutung dessen erfahren, was hier noch vor Augen ist: der Dornenkranz, der zur Krone des Herrn \u00fcber Leben und Tod wird, das Purpurgewand, das diesem K\u00f6nig der Ehren recht steht, einem K\u00f6nig, der selbst in die H\u00f6lle hinabzusteigen und von dort wieder zur\u00fcckkehren vermag, ein K\u00f6nig, der die Welt nachhaltig irritiert, wenn sie ihn nach ihren Ma\u00dfst\u00e4ben misst, der wahre Mensch, der uns Menschen macht, wenn wir ihn denn lassen.<\/p>\n<p>Daher: \u201eSeht, welch ein Mensch!\u201c Auf ihn lasst uns schauen und auf seine Stimme h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt an L\u00e4tare zu Joh 18,28 \u2013 19,5 (s. hier den Bibelabschnitt zum Nachschlagen) Liebe Gemeinde, (1) Eine wirkm\u00e4chtige Begegnung Eine bemerkenswerte Szene ist es, die wir heute betrachten. Bemerkenswert und wirkm\u00e4chtig. 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