{"id":209,"date":"2014-12-26T23:22:18","date_gmt":"2014-12-26T22:22:18","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=209"},"modified":"2015-03-22T16:07:03","modified_gmt":"2015-03-22T15:07:03","slug":"die-aussergewoehnliche-geburt-des-gewoehnlichen-menschen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=209","title":{"rendered":"Die au\u00dfergew\u00f6hnliche Geburt des gew\u00f6hnlichen Menschen"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Lk 1, 26-38:<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galil\u00e4a, die hei\u00dft Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hie\u00df Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: &#8222;Sei gegr\u00fc\u00dft, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!&#8220; Sie aber erschrak \u00fcber die Rede und dachte: &#8222;Welch ein Gru\u00df ist das?&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>Und der Engel sprach zu ihr: &#8222;F\u00fcrchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn geb\u00e4ren, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird gro\u00df sein und Sohn des H\u00f6chsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird K\u00f6nig sein \u00fcber das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>Da sprach Maria zu dem Engel: &#8222;Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann wei\u00df?&#8220; Der Engel antwortete und sprach zu ihr: &#8222;Der Heilige Geist wird \u00fcber dich kommen, und die Kraft des H\u00f6chsten wird dich \u00fcberschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unm\u00f6glich.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>Maria aber sprach: &#8222;Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.&#8220; Und der Engel schied von ihr.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Br\u00fcder und Schwestern,<\/p>\n<p>k\u00fcrzlich erst h\u00f6rte ich einen Vorstand erz\u00e4hlen, er werde dieser Tage zum ersten Mal Gro\u00dfvater \u2013 und er w\u00fcrde dabei Bemerkenswertes an sich feststellen. Immerhin sei doch eine Geburt eines der gew\u00f6hnlichsten menschlichen Ereignisse \u00fcberhaupt, denn jede Sekunde k\u00e4men vier Kinder auf die Welt. Und doch erlebe er diese Wochen, dieses Warten auf die Geburt seines Enkels als etwas absolut Au\u00dfergew\u00f6hnliches. So, als ob hier Unglaubliches geschehe.<!--more--><\/p>\n<p>Ich vermute, dass viele hier im Raum ein St\u00fcck weit nachvollziehen k\u00f6nnen, wovon dieser Mann gesprochen hat. Nicht nur die fieberhafte Vorfreude auf das Ereignis einer Geburt, die einem nahe geht. Vielleicht auch auf der anderen Seite die n\u00fcchterne Distanziertheit, die man in anderen Zusammenh\u00e4ngen walten l\u00e4sst, wenn man nur die nackten Zahlen im Blick hat. Nackte Zahlen, mit denen auch hier im Haus der Bayerischen Wirtschaft tagt\u00e4glich umgegangen wird.<\/p>\n<p>Zu Weihnachten, da feiern wir eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Geburt. Das zeigt schon ihr Versuch, sie statistisch zu fassen. Was w\u00e4re die Statistik von einem Einzigen?<\/p>\n<p>Es braucht aber keine intellektuellen Kabinettsst\u00fcckchen, um sich der Au\u00dfergew\u00f6hnlichkeit dieser Geburt bewusst zu werden. Es reicht ein Blick auf das, wovon erz\u00e4hlt wird \u2013 und wie es erz\u00e4hlt wird, auch hier, in dem Abschnitt, der das Evangelium des kommenden Sonntags ist.<\/p>\n<p>Schon die Ank\u00fcndigung dieser Geburt ist au\u00dfergew\u00f6hnlich inszeniert. Da erscheint ein Engel einer Jungfrau. Und ob man nun an Engel glauben mag oder nicht oder wie man auch immer von Engeln denkt \u2013 au\u00dfergew\u00f6hnlich irritierend ist diese Inszenierung bereits daher, dass nach j\u00fcdischen Vorstellungen der Besuch von Engeln allein M\u00e4nnern vorbehalten war.<\/p>\n<p>Noch au\u00dfergew\u00f6hnlicher ist, dass dieser Engel die Jungfrau gr\u00fc\u00dft. Denn in Israel war es beileibe nicht \u00fcblich, dass Frauen gegr\u00fc\u00dft w\u00fcrden, geschweige denn von Engeln. Dazu noch der Inhalt der Rede: <em>Sei gegr\u00fc\u00dft, du Begnadete. Der Herr ist mit dir! <\/em>Sichtbar irritiert ist daher ja auch Maria: <em>Sie aber erschrak \u00fcber die Rede und dachte: Welch ein Gru\u00df ist das? <\/em><\/p>\n<p>Nein, diese Inszenierung weist von Anfang an darauf hin: Hier ist etwas sehr Au\u00dfergew\u00f6hnliches, gew\u00f6hnliche Kategorien Sprengendes im Gange.<\/p>\n<p>Dass diese au\u00dfergew\u00f6hnliche Geburt von einer Jungfrau erfolgen soll, z\u00e4hlt da eher zu den gew\u00f6hnlicheren Elementen. Denn immerhin kommt dadurch etwas zur Erf\u00fcllung, was einst im Buch des Propheten Jesaja verhei\u00dfen war: <em>Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn geb\u00e4ren, den wird sie nennen Immanuel.<\/em> Was wiederum hei\u00dft: Gott mit uns. Mit dem erf\u00fcllenden Bezug auf die Verhei\u00dfung wird die au\u00dfergew\u00f6hnliche Geburt identifizierbar als Teil der umfassenderen Geschichte Gottes mit seinen Menschen.<\/p>\n<p>Und auch die ganz praktische Frage, wie das denn bittesch\u00f6n funktionieren m\u00f6ge, diese Geburt ohne leiblichen Vater, die Frage, die Menschen sich aller Zeiten gestellt haben und die Maria im Evangelium stellvertretend selbst f\u00fcr all diese Menschen an den Engel richtet, sie wird mit einem lapidaren Satz abger\u00e4umt: <em>Bei Gott ist kein Ding unm\u00f6glich.<\/em> Diese Frage, sie m\u00f6ge uns also bitte nicht irritieren an dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen Geburt.<\/p>\n<p>Etwas ganz Anderes k\u00f6nnte sich hingegen als Frage aufdr\u00e4ngen: Wozu eigentlich diese au\u00dfergew\u00f6hnliche Geburt? Braucht es sie, brauchen wir sie?<\/p>\n<p>K\u00f6nnten wir uns ein Weihnachten nicht auch ganz ohne diese au\u00dfergew\u00f6hnliche Geburt denken? Mit Wintermarkt und Sonnenwendfeier? Auch da lie\u00dfe sich ansto\u00dfen bei Gl\u00fchwein und Lebkuchen. Auch da k\u00f6nnte man sich\u2019s schmecken lassen bei Gans und Wein. Und auch der reich geschm\u00fcckte und mit Geschenken dekorierte Tannenbaum, vor dem die Kinderaugen strahlen, lie\u00dfe sich auch ganz ohne Christkind inszenieren.<\/p>\n<p>Also \u2013 wozu die Feier dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen Geburt? Vielleicht mag ein Fingerzeig das allgemeine Klagen sein, das zur Weihnachtszeit genauso zum guten Ton geh\u00f6rt wie die weit verbreitete Leutseligkeit.<\/p>\n<p>Sind es nicht zwei Seiten derselben Medaille, wenn man klagt, die staade Zeit ist schon lange nicht mehr staad \u2013 und sich dann doch selbst gerne dem Treiben und Feiern und hingibt, weil\u2019s einfach so sch\u00f6n ist \u2013 und auch dem Weihnachtskartenschreibmarathon, weil Karten kriegen ja auch etwas Nettes ist?<\/p>\n<p>Was ist damit, wenn man klagt, dass aus dem Fest der Liebe das Fest der klingenden Kassen gemacht wird \u2013 und doch selbst das Weihnachtsgeld auf den Putz haut, um seiner Liebe einen greifbaren Ausdruck zu geben?<\/p>\n<p>Wenn man klagt, dass Weihnachten mal wieder f\u00fcrchterlich anstrengend wird mit der schr\u00e4gen Verwandtschaft \u2013 und sich doch nach nichts mehr sehnt als Harmonie und Frieden auf Erden und deswegen selbst eben alle Anstrengung unternimmt, dass an Weihnachten um Gottes willen nichts anbrennt?<\/p>\n<p>Das uns vertraute Weihnachts-Ich, hin und her gerissen zwischen Leutseligkeit und Harmoniesucht, zwischen Liebesrausch und der Sorge vor entt\u00e4uschten Erwartungen, zwischen Feierlaune und dem Kater danach, dieses Weihnachts-Ich in all seinem emotionalen Wirrwarr, auch in der Stille zwischendurch und der Einsamkeit inmitten von Trubel \u2013 vielleicht f\u00fchrt dieses Weihnachts-Ich uns ja wesentlich deutlicher als unser allt\u00e4gliches Ich vor Augen, warum es diese au\u00dfergew\u00f6hnliche Geburt braucht.<\/p>\n<p>In dem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Geburtsvorgang wird n\u00e4mlich kein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Mensch geboren. Vielmehr wird da der gew\u00f6hnliche Mensch geboren. Der Mensch, von Gott geliebt, weil er einfach da ist. <em>Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich wohlgefallen.<\/em> So explizit wird dies gemacht in der Taufe dieses Menschen Jesus, wenn die Stimme vom Himmel die Bestimmung dieses gew\u00f6hnlichen Menschen bekannt gibt.<\/p>\n<p>Und vielleicht ist es diese Sehnsucht nach dem gew\u00f6hnlichen Menschen, der geliebt ist, weil er einfach da ist, eine Sehnsucht, der wir uns nur an Weihnachten oder gerade an Weihnachten erlauben, hinzugeben. Wie gerne wir auch so gew\u00f6hnlich w\u00e4ren \u2013 und dann zugleich schmerzhaft begreifen m\u00fcssen, wie au\u00dfergew\u00f6hnlich wir sind.<\/p>\n<p>Au\u00dfergew\u00f6hnlich, weil wir meinen, mehr und anders sein zu m\u00fcssen, uns Liebe verdienen, uns unseren Platz in der Welt erobern zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Au\u00dfergew\u00f6hnlich, weil wir denken, uns immer ganz ordentlich benehmen zu m\u00fcssen, damit wir Gefallen finden.<\/p>\n<p>Au\u00dfergew\u00f6hnlich, weil wir glauben, uns selbst Sicherheit und Halt geben zu m\u00fcssen, damit wir uns nicht verloren f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Au\u00dfergew\u00f6hnlich, weil wir denken, uns nehmen zu m\u00fcssen, was wir meinen zu brauchen, weil wir verlernt, ja, vergessen haben, es uns schenken zu lassen.<\/p>\n<p>Das gew\u00f6hnliche Menschsein, so wie es Gott uns eigentlich zugedacht hat, das wird in dem gew\u00f6hnlichen Menschen, der da zur Weihnacht auf die Welt kommt, uns au\u00dfergew\u00f6hnlichen Menschen ansichtig. Und wir sind es, die daf\u00fcr eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Inszenierung brauchen, damit wir aufmerken in unserem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Treiben.<\/p>\n<p>Bitters\u00fc\u00df ist es, wenn wir dieses gew\u00f6hnlichen Kindleins ansichtig werden, wenn wir merken, wie gerne wir vielleicht so gew\u00f6hnlich w\u00e4ren \u2013 und es doch in all unserem Treiben und Streben immer wieder verfehlen. Weil unser Treiben und Streben eben eines immer wieder verfehlt: Gottes Liebe, in deren W\u00e4rme und Walten allein wir Menschen ganz gew\u00f6hnlich leben lernen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dass Gott in seiner Liebe uns au\u00dfergew\u00f6hnliche Menschen nicht allein l\u00e4sst, sondern als \u201eGott mit uns\u201c, als Immanuel, als gew\u00f6hnlicher Mensch zur Welt kommt \u2013 das ist die Verhei\u00dfung von Weihnachten.<\/p>\n<p>Wie Maria m\u00f6ge uns daher die Botschaft des Engels ereilen: <em>Sei gegr\u00fc\u00dft, du Begnadete! Sei gegr\u00fc\u00dft, du Begnadeter! Der Herr ist mit dir!<\/em><\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lk 1, 26-38: Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galil\u00e4a, die hei\u00dft Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hie\u00df Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: &#8222;Sei gegr\u00fc\u00dft, du Begnadete! Der &hellip; <a href=\"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=209\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Die au\u00dfergew\u00f6hnliche Geburt des gew\u00f6hnlichen Menschen<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/209"}],"collection":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=209"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/209\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":230,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/209\/revisions\/230"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=209"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=209"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=209"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}