{"id":172,"date":"2014-04-01T23:48:06","date_gmt":"2014-04-01T22:48:06","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=172"},"modified":"2016-03-06T12:42:32","modified_gmt":"2016-03-06T11:42:32","slug":"totale-niederlagen-vergeben-und-vergessen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=172","title":{"rendered":"Totale Niederlagen &#8211; vergeben und vergessen"},"content":{"rendered":"<p><i>Jes 54,7-10: <\/i><\/p>\n<p><i>Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit gro\u00dfer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erl\u00f6ser. <\/i><\/p>\n<p><i>Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr \u00fcber die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr \u00fcber dich z\u00fcrnen und dich nicht mehr schelten will. Denn es sollen wohl Berge weichen und H\u00fcgel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.<\/i><\/p>\n<p>Liebe AEU-Mitglieder, liebe G\u00e4ste,<\/p>\n<p>diejenigen, an die diese Worte gerichtet sind, sind die Kindeskinder derer, die ins Exil gef\u00fchrt wurden. Gut sieben Jahrzehnte war es her, dass Israel vor der fremden Besatzungsmacht Babylon kapitulieren musste, sieben Jahrzehnte, dass die neuen Herrscher die Eliten Israels vom Heiligen Land zu den Wassern des Euphrat \u00fcbersiedelten. Ein bewusst und klug gesteuerter Braindrain der Besatzer, um das eroberte Land langfristig kontrollieren zu k\u00f6nnen.<!--more--><\/p>\n<p>Bis dato hatte Israel seine Existenz durch eine wechselhafte B\u00fcndnispolitik zwischen den Gro\u00dfm\u00e4chten am Nil und im Zweistromland gesichert. Doch nach dieser so totalen Niederlage rechnete wohl niemand mehr damit, dass das kleine Volk vom Jordan noch einmal eine eigene Zukunft haben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Diese totale Niederlage \u2013 das ist der Kontext, in den die Worte des uns mit Namen unbekannten Propheten Deuterojesaja hinein gesprochen sind. Man muss sich dies vor Augen f\u00fchren, um die Unerh\u00f6rtheit seines Zuspruchs zu begreifen \u2013 nicht nur verbal, sondern emotional.<\/p>\n<p>\u201eImmer wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.\u201c Dieser Spruch hing fr\u00fcher im Praxiszimmer meiner Mutter, das sie zuhause hatte, um kranke Kinder mit ihren Eltern empfangen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mir hat sich dieser Spruch tief eingepr\u00e4gt \u2013 und ich frage mich, wie viele Eltern, die sich um die Gesundheit ihrer Kinder sorgten, diesen Spruch nicht nur gelesen haben, sondern darin auch irgendwo Trost gefunden und Mut gesch\u00f6pft haben.<\/p>\n<p>Kalenderspr\u00fcche wie diese m\u00f6gen tats\u00e4chlich Mut spenden. Sie m\u00f6gen der Hoffnung Ausdruck geben, dass am Ende doch alles irgendwie gut wird.<\/p>\n<p>Ist also von diesem \u201eIrgendwie hoffen\u201c auch hier bei Deuterojesaja die Rede? Ist es eine Form der Autosuggestion, der motivationalen Ansprache, welche die letzten Hoffnungsressourcen in einer ausweglosen Lage mobilisiert, damit man dann irgendwie \u00fcber sich und seine Situation hinauswachsen kann, damit man halt doch das Gute im Schlechten zu sehen f\u00e4hig ist?<\/p>\n<p>Jedes Schlechte hat ja angeblich immer auch sein Gutes, sagt der Volksmund in \u00e4hnlicher Weise und will damit helfen, Haltung zu bewahren \u2013 sogar im Angesicht der totalen Niederlage.<\/p>\n<p>Doch \u00fcber den Punkt, eine wie auch immer geartete Haltung zu bewahren, sind die H\u00f6rer der Worte Deuterojesajas l\u00e4ngst hinaus. Ihre Selbstwahrnehmung wird in den Worten des Propheten kenntlich, in denen er sie anspricht: Unfruchtbar und einsam, besch\u00e4mt und verspottet, verlassen und von Herzen betr\u00fcbt.<\/p>\n<p>Die totale Niederlage hat sich in die Seele des Volkes tief eingegraben. Kein Licht am Ende des Tunnels. Nur aushalten, was nicht zu \u00e4ndern ist, und seinem Tagwerk nachgehen, so gut es eben geht.<\/p>\n<p>Klingt es da nicht wie Hohn, wenn aus dem Mund des Propheten Gott selbst so anhebt: <i>Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen&#8230;Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen&#8230;?<\/i><\/p>\n<p>Diese Zeitwahrnehmung wird erst dann nachvollziehbar, wenn man sie in den Zeitrahmen der prophetischen Rede einordnet. Und diese Einordnung ist beileibe nicht unerheblich.<\/p>\n<p>Was sind 70 Jahre im Angesicht des ewigen Gottes? Was sind 70 Jahre Exil mit Blick auf den ewigen Bund, den Gott mit seinem Volk besiegelt?<\/p>\n<p>Ein Bund, der nicht \u201eirgendwo wie ein Lichtlein\u201c daherkommt, sondern in der Geschichte des Volkes selbst begr\u00fcndet ist, in den Geschichten von Noah und Abraham, von Mose und David.<\/p>\n<p>In ihnen erweist sich Gott als ein Gott, der sehr wohl z\u00fcrnen kann, aber dessen ewige Gnade weit \u00fcber seinem heiligen Zorn steht. Eine Gnade, die so ewig ist, dass sie unser menschliches Tun vergessen macht, welches Gottes Zorn erst hervorgerufen hat und dadurch einen tats\u00e4chlichen Neuanfang setzt. Vergegenw\u00e4rtigen Sie sich die Worte Deuterojesajas. Nirgendwo ist da mehr von der Schuld des Volkes die Rede. Getilgt, vergessen.<\/p>\n<p>Diese Bef\u00e4higung zum Neuanfang ist Frucht des heilvollen, sch\u00f6pferischen Tuns, mit dem Gott an uns wirkt.<\/p>\n<p>Und dieses Tun Gottes wird so deutlich erkennbar in den Tagen, auf die wir zugehen, an denen wir die Geschichte Jesu nachvollziehen \u2013 hinein in die totale Niederlage, die kein Ende mit Schrecken markiert.<\/p>\n<p>Denn da, wo wir die totale Niederlage sehen, wird Gott erst so richtig kreativ und verschafft einen wundersamen Neubeginn \u2013 anders als erwartet und in einer fremden Vertrautheit, die etwa die Begegnungen der J\u00fcnger mit dem Auferstandenen auszeichnet.<\/p>\n<p>All das ist eine gute Nachricht f\u00fcr uns \u2013 auch in den Rollen, die wir in unseren Unternehmen spielen, gerade dann, wenn auch wir auf der Verliererseite stehen und kein Land mehr sehen, wenn unsere eigene Kraft und Kreativit\u00e4t nicht reicht, wenn uns der Mut verl\u00e4sst, wenn alles weg bricht, was uns bis dato Sicherheit verschafft und Identit\u00e4t gestiftet hat.<\/p>\n<p>Auch dann k\u00f6nnen, sollen und d\u00fcrfen wir uns auf unseren Gott verlassen \u2013 und darin auf einen Neuanfang hoffen.<\/p>\n<p>Denn totale Niederlagen, auch unsere totalen Niederlagen sind in der Geschichte, die dieser Gott schreibt, wohl aufgehoben. Gottes Geschichte, sie endet ja nicht mit einer totalen Niederlage, sondern mit einem heilvollen Sieg, wie es zum Ende des letzten Buches der Bibel hei\u00dft:<\/p>\n<p><i>Und es wird keine Nacht mehr sein, und sie bed\u00fcrfen keiner Leuchte und nicht des Lichts der Sonne; denn Gott der Herr wird sie erleuchten, und sie werden regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit. (Offb 22,5)<\/i><\/p>\n<p>Im Licht dieses heilvollen Sieges \u2013 da sind sie vergeben und vergessen, unsere totalen Niederlagen.\u00a0 Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jes 54,7-10: Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit gro\u00dfer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erl\u00f6ser. 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