{"id":110,"date":"2013-07-16T23:10:24","date_gmt":"2013-07-16T22:10:24","guid":{"rendered":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=110"},"modified":"2013-07-16T23:11:34","modified_gmt":"2013-07-16T22:11:34","slug":"warum-wir-keine-moralischen-instanzen-brauchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bdacht.cooperatio.de\/?p=110","title":{"rendered":"Warum wir keine moralischen Instanzen brauchen"},"content":{"rendered":"<p><i>Joh 8,3-11:<\/i><\/p>\n<p><i>Aber die Schriftgelehrten und Pharis\u00e4er brachten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?<\/i><\/p>\n<p><i>Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen k\u00f6nnten. Aber Jesus b\u00fcckte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: <\/i><b><i>Wer unter euch ohne S\u00fcnde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.<\/i><\/b><i> Und er b\u00fcckte sich wieder und schrieb auf die Erde.<\/i><\/p>\n<p><i>Als sie aber das h\u00f6rten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die \u00c4ltesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und s\u00fcndige hinfort nicht mehr.<\/i><\/p>\n<p>Liebe AEU-Mitglieder,<\/p>\n<p>liebe G\u00e4ste,<\/p>\n<p>\u201eWhat would Jesus do?\u201c Das war eine beliebte \u00dcbung, die ich mit meinen Konfirmanden einmal im Kurs gemacht habe. Eine Woche lang jeden Tag ein besonderes, bewegendes Ereignis, eine schwierige, herausfordernde Situation notieren und im Nachgang \u00fcberlegen: \u201eWhat would Jesus do?\u201c \u2013 \u201eWas w\u00fcrde Jesus tun?\u201c. Interessanterweise kommt diese Frage gar nicht aus der Jugendarbeit, auch wenn sie dort gut hundert Jahre sp\u00e4ter wieder entdeckt wurde.<!--more--><\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich entstammt der Slogan dem Roman \u201eIn His Steps\u201c von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Charles_Sheldon&amp;action=edit&amp;redlink=1\">Charles Sheldon<\/a>, einem amerikanischen Pastor, der in seiner Heimat einer der Wortf\u00fchrer der Social Gospel-Bewegung um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war.<\/p>\n<p>In seinem Roman erz\u00e4hlt Sheldon, wie ein Arbeitsloser beim Pastor einer Kleinstadt klingelt. Nur kurz h\u00f6rt ihm der Pfarrer zu und schickt ihn dann weiter. Er feilt n\u00e4mlich gerade an seiner Predigt. Am kommenden Sonntag erscheint der Arbeitslose in der Kirche. Er tritt nach der Predigt vor die Gemeinde und erz\u00e4hlt seine Leidensgeschichte, die er mit den Worten einleitet: \u201eIch beschwere mich nicht, sondern erz\u00e4hle schlicht die Fakten.\u201c\u00a0 Dabei f\u00fchrt er der Gemeinde vor Augen, wie sie seine und die Not anderer Arbeitsloser schlicht ignoriert. Am Ende seiner Ansprache bricht der Mann zusammen. Einige Tage sp\u00e4ter ist er tot.<\/p>\n<p>Der Pastor zieht am Sonntag nach diesen Ereignissen in seiner Predigt die Konsequenzen: \u201eUnternehmt nichts, bevor ihr euch nicht gefragt habt: Was w\u00fcrde Jesus tun?\u201c Das schreibt er seiner Gemeinde ins Stammbuch.<\/p>\n<p>\u201eWas w\u00fcrde Jesus tun?\u201c Der Roman setzt dann fort, indem er einige \u00a0Charakter in ihrem Alltag begleitet, die sich diese Frage tats\u00e4chlich aktiv stellen und damit ihre Erfahrungen sammeln \u2013 \u00a0unter anderem auch Gesch\u00e4ftsleute.<\/p>\n<p>\u201eWas w\u00fcrde Jesus tun?\u201c Mit dieser Frage tauchen die Schriftgelehrten und Pharis\u00e4er bei Jesus auf \u2013 aber nicht, um sich Rat und Einsicht zu holen. Denn wissen tun sie ja, was richtig ist. Das Urteil \u00fcber die Ehebrecherin ist gef\u00e4llt. Auf Ehebruch steht der Tod. So lehrt es das Gesetz. Und an das hat man sich zu halten.<\/p>\n<p>Bei der Gesetzesbeachtung kann es aber nicht so ganz mit rechten Dingen zugehen. Denn der Mann, mit dem die Frau Ehebruch begangen hat, taucht gar nicht auf. Auch er m\u00fcsste ja mit derselben Strafe belegt werden.<\/p>\n<p>M\u00f6glich also, dass da galt: \u201eUnter dem Gesetz sind alle gleich \u2013 und einige noch gleicher.\u201c<\/p>\n<p>Die Frage nach Gleichheit und Gerechtigkeit \u2013 das ist die Debattenlage in unserem Land vor den Wahlen. Der Fall Uli Hoene\u00df, an den ich bei diesem Evangeliumstext denken musste, ist in den letzten Wochen einer der wesentlichen Aufh\u00e4nger f\u00fcr diese Debatte gewesen. Es lohnt sich, diesem Fall anhand der biblischen Geschichte einmal nachzugehen.<\/p>\n<p>Da bricht einer das Gesetz \u2013 und er verpasst m\u00f6glicherweise die Chance, sein Vergehen im Nachgang zu heilen. Und dann sind sie nat\u00fcrlich da, die Schriftgelehrten und Pharis\u00e4er. Die gerechte Strafe m\u00f6ge ihn ereilen. So blo\u00dfgestellt wie die Ehebrecherin wurde auch Hoene\u00df in aller \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Manche fanden das gerecht. W\u00e4re Hoene\u00df selbst nicht vor einem Jahr einer der ersten gewesen, der das Hohe Lied der Steuerehrlichkeit gesungen h\u00e4tte? W\u00e4re er nicht analog der biblischen Geschichte bei denen gewesen, die mit den Steinen in der Hand anmarschieren, um alle Steuers\u00fcnder verbal zu steinigen?<\/p>\n<p>Andere fanden es ungerecht, dass ein Mann wie Hoene\u00df, der sich so verdient gemacht hatte um so viele Menschen, so vorgef\u00fchrt wurde. Bei nicht wenigen klang das so, dass eben alle gleich sind vor dem Gesetz \u2013 und einige, die moralischen Instanzen eben, einfach gleicher.<\/p>\n<p>Die dritten wiederum argumentierten folgenderma\u00dfen: \u201eWer hat den Staat denn nicht selbst schon einmal betrogen&#8230;\u201c Ist das nicht im Sinne Jesu? <i>Wer unter euch ohne S\u00fcnde ist, der werfe den ersten Stein. <\/i>Wer von uns w\u00fcrde da nicht \u2013 gleich der Meute in der Geschichte \u2013 den Tatort schleunigst wieder verlassen?<\/p>\n<p>Ist damit aber die Moral von der Geschicht\u2019 die, dass Gesetze gar nicht mehr greifen k\u00f6nnen, weil es niemanden unter uns gibt, der die notwendige moralische Integrit\u00e4t besitzt, um sie in Kraft zu setzen?<\/p>\n<p>Nun, zumindest relativiert es die Rede von der moralischen Instanz. Es stellt sie in Relation zu dem, was wirklich von uns Menschen gefordert w\u00e4re, wenn wir gerechte Richter sein wollten. Es stellt sie in Relation zu dem einzig gerechten Richter, dem einzigen ohne S\u00fcnde, Gott selbst.<\/p>\n<p>\u201eWhat would Jesus do?\u201c Diese Frage greift hier\u00a0 nicht. Dass Jesus die t\u00f6dlichen Folgen des Gesetzes au\u00dfer Kraft setzen kann, dass er der S\u00fcnderin einen Neuanfang beschert, das kann er nur aus der Position der einzigen moralischen Instanz, aus der Position Gottes.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen das nicht, jedenfalls nicht in unserem Namen. Denn der ist befleckt, moralisch unrein. Vergebung kann nur im Namen Gottes zugesprochen werden.<\/p>\n<p>Aber was passiert durch die Vergebung? Ist damit das Gesetz au\u00dfer Kraft gesetzt? Nein, es gilt weiterhin. <i>Geh hin und s\u00fcndige hinfort nicht mehr.<\/i> So sagt es Jesus ja der Ehebrecherin. Er setzt das Gesetz in seine wahre Kraft, als Orientierung im Leben, nicht als t\u00f6tende Macht. Es entspricht seiner Mission auf Erden: <i>Ich bin gekommen, zu rufen die S\u00fcnder und nicht die Gerechten.<\/i> (Lk 5,32)<\/p>\n<p>Eine moralische Instanz sein zu wollen, ist also gar nicht zielf\u00fchrend. Vielmehr behindert es uns nur, ins Leben zu finden. Als moralische Instanz h\u00e4ngen wir uns bei der t\u00f6tenden Macht des Gesetzes auf \u2013 und h\u00e4ngen damit andere. Und wir m\u00fcssen als moralische Instanz unsere eigenen S\u00fcnden im Verborgenen halten \u2013 um den Schein zu wahren.<\/p>\n<p>In der Nachfolge Jesu hingegen wissen wir: Da kann man keine moralische Instanz sein. Da braucht man es auch nicht zu sein. Was wir brauchen, ist die Bereitschaft zum Neuanfang, wie ihn Jesus der Ehebrecherin erm\u00f6glicht \u2013 dann, wenn wir uns verrannt haben. Was wir brauchen, ist die Bereitschaft, uns von Jesus ins Leben f\u00fchren zu lassen.<\/p>\n<p>Das ist befreiend, aber zugleich schmerzhaft. Denn dabei gilt es auch zweifelsohne, Offenbarungseide zu leisten. Das eigene moralische Selbstbild muss vom Sockel, damit wir als Menschen unter Menschen und vor Gott leben lernen.<\/p>\n<p>Vor Gott &#8211; das hei\u00dft: Sein Gesetz gilt. Es richtet weiterhin \u2013 aber im Richten t\u00f6tet es nicht mehr. Es richtet uns neu aus. Und als Immer wieder Neu Ausgerichtete d\u00fcrfte uns auch die Frage immer wichtiger werden: \u201eWhat would Jesus do?\u201c Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joh 8,3-11: Aber die Schriftgelehrten und Pharis\u00e4er brachten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? 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